Seit einiger Zeit hat der S. Fischer Verlag damit begonnen, eine Gesamtausgabe der Dichtungen und Schriften von Manfred Hausmann in einheitlicher, schöner Ausstattung herauszubringen. Als neuester Band erschien kürzlich der Roman "Liebende leben von der Vergebung". Er zeigt aufs eindrucksvollste den Standort, den Hausmann auf der Höhe menschlicher und künstlerischer Reife heute einnimmt und der von bloßer billiger Artistik ebensoweit entfernt ist wie von jeder Art moralisierender Tendenz. War seine Stärke von jeher das frische, lebensvolle Fabulieren, so hat sich diese Fähigkeit erhalten in gewandelter. Form; sie ist zu der Kraft zusammengeschossen, einen geistigen Plan ohne Rest in die "Fabel" zu bannen. Vollkommene Identität von Kunst und Aussage ist das Kennzeichen dieser Stufe. Darum kann es der Dichter sich leisten, in seiner Thematik abseits der sogenannten Aktualität zu bleiben; er hat es nicht nötig, den literarischen Markt um weitere Produkte der modischen Weltangstsensation zu bereichern. Er kann es sich ferner leisten, die tiefe Rätselhaftigkeit der Menschennatur im fast Alltäglichen aufzudecken; die Gefahr zu zeigen, die in der friedlichen Stille intimster Lebenskreise schlummert und die ein Zufall wecken mag, ein Nichts von Anlaß, eine beinahe imaginäre Begebenheit.

Hier geht es um das ewige Problem der Zweisamkeit; um den Zerstörungskeim, der auch der bestwilligen Ehe innewohnt und den allein ein geläutertes Bewußtsein meistern kann; ein Bewußtsein, das vielleicht nur am Rande des Abgrunds aufleuchtet. Jener Zerstörungskeim behält jedenfalls solange seine Wirksamkeit, wie noch nicht erlebt wurde, daß jeder jedem etwas schuldig bleibt, daß jeder der Vergebung des andern bedarf und darum auch Vergebung gewähren muß.

Gewiß, auch in diesem lebensräumlich so begrenzten Bezirk wird so etwas wie "Weltangst" empfunden, wenn der Blick in die verstecktesten Möglichkeiten des eigenen Innern fällt. Aber die Angst ist hier keine von irgendeiner äußeren Situation suggerierte Neurose; sie hängt am Innewerden eigener Verworfenheit, und damit ist sie schon der Anfang zur Besinnung. Wie von diesem psychologischen Angelpunkt aus die Wirrnisse allmählich geglättet und der Lösung zugeführt werden, das ist nicht nur ein Zeugnis erzählungstechnischer Meisterschaft, sondern auch ein Dokument geistiger Sicherheit, wie sie Erfahrung verleiht, die zum Ethos geworden ist. Aber jenseits alles Gedanklichen ist dieser Roman eine wirklich moderne Dichtung, nicht zuletzt auch in Substanz, Qualität und Dynamik der Sprache. A-th