Viel wurde erreicht – viel bleibt zu wünschen übrig

Wenn man sich die fast verzweifelte Lage Bremens im Frühjahr 1945 vergegenwärtigt und damit das Bild vergleicht, das sich heute bietet, so wird man anerkennen, daß es der alten Hansestadt nicht an Mut und Tatkraft gefehlt hat. Abgesehen von dem damals noch preußischen, schwer angeschlagenen Fischereihafen, war die Hafengruppe Bremerhaven dabei noch verhältnismäßig glimpflich weggekommen. Die Schäden in den Überseehäfen beschränkten sich im wesentlichen auf die Zerstörung der Fahrgastanlage auf der Columbuskaje und zweier der neuesten Kajeschuppen. So konnte Bremerhaven von Anfang an ungehindert angelaufen werden und stand für den Nachschubverkehr der amerikanischen Armee zur Verfügung.

Anders die Hafengruppe Bremen-Stadt. Hier bot sich den Augen ein einziges scheinbar unentwirrbares Trümmerfeld. Die Frage lag nahe, ob es möglich sei, dieses Chaos wieder in ein geordnetes und nutzbares Gebilde zu verwandeln.

Nachdem aber einmal, im Einverständnis mit der Besatzungsmacht, der Entschluß zum Wiederaufbau gefaßt war, ging es in zäher Arbeit schnell voran. Schon im September 1945 konnte der erste Dampfer in dem entminten Hafen anlegen. Heute kann man sagen, daß im groben Schnitt die gute Hälfte der zerstörten Anlagen wieder hergestellt ist. Der Schiffsverkehr aber, Bremen-Stadt und Bremerhaven zusammengenommen, belief sich schon 1947 auf mehr als 4 1/2 Mill. NRT, erreichte 1950 reichlich 7 Mill. NRT und übertraf 1952 mit etwas über 12 Mill. NRT die höchste Vorkriegszahl. Die bremischen Häfen verfügen wieder über regelmäßige Verbindungen mit allen Erdteilen.

Wie der Schiffsverkehr, so zeigte auch der Güterumschlag der Häfen, von dem Rückschlag des Jahres 1950 abgesehen, eine erfreulich aufsteigende Linie. Das Jahr 1952 lag in der Menge mit reichlich 9 Mill. t über dem bis dahin mengenmäßig besten Jahre 1938.

Was schließlich den Auswanderer- und Fahrgastverkehr anlangt, so hat es sich als ein richtiger Entschluß erwiesen, an Stelle des zerstörten Columbusbahnhofs mit erheblichen Mitteln eine neue Fahrgastanlage in Bremerhaven zu schaffen. Jm Jahre 1952 wurden einschließlich der DPs und der Angehörigen der Besatzungsmacht in Ein- und Ausreise etwa 130 000 Personen an der Columbuskaje abgefertigt. Gewiß, zahlenmäßig erfreuliche Ergebnisse, vor allem im Rückblick auf den unter Null liegenden Ausgangspunkt. Um aber ein richtiges Urteil zu gewinnen, darf man nicht nur die Lichtseiten sehen, sondern auch die Schatten.

Die Hälfte der Kriegsschäden in den Hafenanlagen ist ausgeglichen. Das ist für ein kleines Gemeinwesen wie Bremen eine beachtliche Leistung, aber es ist eben nur die Hälfte. Es bleibt die unabweisliche Forderung, daß der Wiederaufbau fortgesetzt wird, um die wünschenswerte Lockerung der Verkehrsdichte zu ermöglichen.