Die westliche Krypta des Bremer Doms ist mit ihren sieben romanischen Säulenpaaren zwischen den drei Gewölben in ihrer ernsten und strengen Räumlichkeit eine der eindrucksvollsten unterirdischen Kirchen Deutschlands. Aber auf dem Weg zu ihr muß man erst durch den Bleikeller gehen. Hat man zuvor an die berüchtigten, durch Casanova berühmt gewordenen Bleidächer in Venedig gedacht, so ist man einigermaßen in der angepaßten Stimmung, wenn man den Bremer Bleikeller betritt. Unter seinem Gewölbe liegen zum Teil seit fünfhundert Jahren die mumienhaften Hüllen von Toten. Was einst unser Ebenbild war, gibt sich, da die Deckel der Truhen aufgeschlagen sind, dem Blick der Lebenden preis, fledermausgrau, ledern eingetrocknet, entseelt. Man möchte fliehen.

Und doch verharrt man vor ihnen und findet es über die Beklemmung hinaus bannend. Man sollte meinen, wenn jahrhundertelang kein lebendes Blut mehr in die Gesichtszüge gelangt, würden sie, wie Schatten in der Nacht, sich mit dem Nichts assimilieren. Aber in jeder dieser zu totem Gegenstand gewordenen Mumien, auch wenn sie mit leeren Augenhöhlen und offen starrenden Mündern daliegen, hat sich die Unterschiedlichkeit des Physiognomischen erhalten, während der Unterschied des Geschlechts so gut wie verschwunden ist.

Diese Toten haben die Finger ineinander gefaltet, wie man sie vor Jahrhunderten auf dem Sterbebette zu Wanderung in die Ewigkeit vorbereitet hat. In der unrührbaren Starre des Verschränktseins der Hände liegt eine Innigkeit, die ergreift. Einer aber, oder war es eine, hat noch im Tod gestreikt. Er hat die Erstarrung des frommen Scheins gelöst, widerspenstig gegen die, welche ihm die Geste des endgültigen Lebensendes aufnötigten. Die Finger klammern sich scheinbar nur noch mit Widerwillen aneinander.

Wer waren diese Toten? Von einem weiß man es – von der ältesten dieser Mumien, die seit über fünfhundert Jahren in dem Gewölbe liegt und ihren Platz links vom Zugang zu der Krypta hat. Was von dem Gesicht dieses Menschen blieb, ist ein qualvoll verzerrtes Lustgrinsen, das ihn gewiß ankam, als er, zwischen Himmel und Erde arbeitend, unvermutet über die fatale Schwelle stürzte. Er war ein Dachdecker und flog im Jahre 1450 vom Turm des Doms in die Tiefe.

Man nennt das Gewölbe Bleikeller, doch nicht, weil etwa ein Bleigehalt im Mauerwerk die präservierende Eigenschaft entwickelte, die diesen Toten bis zum jüngsten Gericht die menschliche Form läßt. In dem Raum wurde lediglich das Blei gegossen, das damals für die Dächer gebraucht wurde.