Von Josef Pieper

Zur Vollkommenheit der menschlichen Gemeinschaft sei es notwendig, daß es Menschen gebe, die sich der vita contemplativa hingeben – so sagen die Alten.

Von zehn Leuten, die so etwas heute hören, werden vermutlich acht diese Meinung unverständlich finden oder einfach falsch; und kaum einer wird, selbst wenn das kontemplative Leben ihm als etwas Sinnvolles und Respektables erscheinen sollte, kaum einer von zehn wird die Kontemplation "notwendig" nennen wollen, erst recht nicht "sozial" notwendig. Außerdem: was sollte wohl jene Meinung der Alten mit dem Thema "Philosophie und Gemeinwohl" zu tun haben, da doch offenbar Kontemplation nicht Philosophie ist?

Die folgenden Bemerkungen anderseits beruhen auf der Überzeugung, daß der alte Satz von der sozialen Notwendigkeit der vita contemplativa erstens ohne Einschränkung wahr ist, und daß er zweitens exakt unser Thema betrifft.

Doch wird schon hier deutlich, daß es wenig Sinn hat, weiter zu streiten, wenn nicht gesagt wird, was unter "Gemeinwohl" und was unter "Philosophie" verstanden werden soll.

"Gemeinwohl", bonum commune: das ist das "Gut", welches der menschlichen Gemeinschaft wahrhaft zum Wohle gereicht und um dessentwillen sie existiert; es ist der Inbegriff der Werte, welche ein Gemeinwesen, vor allem das staatliche Gemeinwesen, verwirklichen müßte, wenn von ihm soll gesagt werden können, es habe die in ihm angelegten Möglichkeiten realisiert. Dies ist, natürlich, eine rein formale und abstrakte Kennzeichnung. Interessant wird die Sache erst, wenn man versucht, zu sagen, was konkret und inhaltlich das bonum commune sei. Dann nämlich zeigt es sich, daß dies nicht erschöpfend und endgültig gesagt werden kann. Denn das würde voraussetzen, daß man mit erschöpfender Endgültigkeit angeben könnte, welche Möglichkeiten die menschliche Gemeinschaft in sich schließt und was sie also eigentlich und im letzten Grunde sei.

Es ist nun eine wesentliche Eigentümlichkeit jedes totalitären Regimes: daß der Inhaber der politischen Gewalt den Anspruch macht, den konkreten Inhalt des bonum commune erschöpfend und endgültig zu bestimmen. Das Fatale an den "Fünfjahresplänen" ist ja nicht der Versuch, Produktion und Bedarf aufeinander abzustimmen. Das eigentlich Fatale ist, daß der "Plan" zum ausschließlichen Maßstab für das gesamte Leben gemacht wird, für den Bergbau wie für den Lehrplan der Universitäten, für die individuelle Freizeitgestaltung wie für das Schaffen der Maler, Dichter und Musiker – so daß alles, was sich vor diesem Maßstab nicht zu rechtfertigen vermag, für "sozial nicht wichtig" und "unerwünscht" erklärt wird, wenn es nicht einfach dem Verbot und der Unterdrückung verfällt.