Zwei negative Merkmale wies die diesjährige Maifeier in Moskau auf: Sie entbehrte des rauschenden Führerkultes und es fehlte ihr das Stimmungsfeuer des Kalten Krieges. Sie war eine matte Festveranstaltung in abgekürzter Form, veranstaltet von einem Regime, das aus mancherlei Gründen nicht viel von sich sagen will.

Die Bilder der toten kommunistischen Götter Lenin und Stalin eröffneten den Zug, ihnen folgten die Bilder der "Führer der Sowjetregierung", wie der TASS-Bericht summarisch sagt, des Kollektivs also, dem der Prawa-Artikel kürzlich die ideologische Weihe gegeben hat. Dieses namenlose Kollektiv reißt nicht zur Begeisterung hin, wie früher das Erscheinen des "Führers" auf der Terrasse des Lenin-Mausoleums. Es mahnt vielmehr zur Vorsicht. An wen soll man sich halten? Stalin-Zitate waren immer eine Waffe, aber zu viel Berufung auf einen Mann, heiße er Malenkow, Berija oder Molotow, kann heute schädlich sein. Man muß die Gewichte verteilen und vor allem die "Einheit" betonen, die angeblich durch die Sammlung um das Zentralkomitee hergestellt wird, wie das Kriegs-~~~ ~~~ ~~~~ner Ansprache auf dem Roten Platz behauptete.

Die Propagandathesen lieferte nicht Bulganin, sondern Ilja Ehrenburg. Wie arm muß die sowjetische Publizistik sein, wenn die in der Agitation der vergangenen Periode am meisten verbrauchte Figur nun für den "neuen Kurs" zeugen soll. Vor einem Jahre hatte Ehrenburg noch den "Bakterienkrieg" ausgeschlachtet und sich in Formulierungen gefallen wie: "Überall, wo Blut fließt, kann man die Spuren amerikanischer Agenten finden." Jetzt überschrieb er seinen Prawda- Artikel mit "Hoffnung" und meinte, daß die Zeit der Monologe vorbei sei. Er machte deswegen nicht das geringste Zugeständnis, seine Hoffnung zielte lediglich auf die Verwirrung des westlichen Lagers durch die Moskauer Gesten. "Die brüderliche Hand des Sowjetvolkes hat vieles verändert." Konkret forderte er Frankreich auf, sich auf die antideutsche Allianzpolitik zu besinnen: "Wir wollen uns jetzt über den Frieden einigen, der Minsk ebenso wie Straßburg vor einer neuen Gefahr schützen wird."

Ehrenburg hatte zu dieser Anspielung einen bestimmten Grund. Zwei Tage vorher war von den Polen in Warschau eine Konferenz über die deutsche Frage mit Vertretern der Grotewohl-Regierung, mit Tschechen und Franzosen abgehalten worden. Da gab es Reden über "gemeinsame Interessen", eine "Demokratisierung" der Bundesrepublik nach dem Muster der Sowjetzone wurde gefordert und Solidaritätsversicherungen wurden abgegeben für die "Patrioten", die Kommunisten und Mitläufer in Westdeutschland, und Richtlinien wurden ausgegeben für eine Fortsetzung des Kalten Krieges auf deutschem Boden, in dem gleichen Moment, da der Kreml nicht müde wird, zu versichern, daß er eine Entspannung wünscht.

Diesem Programm verdankten Polen und Tschechen auch einen bevorzugten Platz in der Moskauer Mai-Demonstration. Ihre Bilder wurden nach den chinesischen mitgeführt, erst in einem durch Zwischenschaltung verschiedener Kolonnen betonten Abstand kamen die der übrigen Volksdemokratien. Die SED-Deutschen ließ man aus dieser Zusammenstellung heraus; sie folgten den Nordkoreanern, offenbar um zu bekunden, daß für Moskau beide Fragen auf der gleichen Ebene liegen. Den Schluß machten die Bilder der Koninformführer mit Thorez an der Spitze, erst Europäer, dann Asiaten und Südamerikaner. In der letzten Gruppe auch das Bild Ho Chi Minhs, der auf diese Weise einen auffallend tiefen Rang erhielt. Da wurde der Vietminh-Rebell in Peking besser behandelt. Gleich nach den Russen erschien sein Bild neben dem Nordkoreaner Kim II Sung, womit trefflich die Doppelgleisigkeit der kommunistischen Politik zum Ausdruck gebracht wurde: Verhandlungen in Korea und Einfall in Laos gehören eben eng zusammen. Erst dann rangierten in Peking die Repräsentanten der Volksdemokratien und kommunistischen Parteien "kapitalistischer" Länder. Bei diesen machte wiederum ein Asiate, der Japaner Tokuda, den Anfang.

Die Mai-Umzüge haben etwas von der Hintergründigkeit des Weltkommunismus enthüllt, aber zugleich Zweifel erweckt, ob er noch als handelnde Einheit aufzufassen ist. Moskau hat die Polen von der Kette gelassen, aber es braucht auch die Furcht der Satelliten vor vermeintlichen westlichen Gefahren, um ihrer sicher zu sein. Wenn der Kreml sich auf Friedensweihrauch beschränkt und im übrigen abwartend verhält, so wird er dazu nicht nur durch sein Verhältnis zur westlichen Welt bestimmt. Die Vietminhs haben ihre Offensive mit Mao Tsetung abgesprochen. In Peking wurden neben den Bildern von Lenin und Stalin auch die von Marx und Engels getragen und damit im Gegensatz zu Moskau die Väter des Marxismus neben seine russischen Interpreten gestellt. Der asiatische Kommunismus hat seinen eigenen Marschtritt. Harald Laeuen