Das berühmte Märchen von den Bremer Stadtmusikanten läßt nicht darauf schließen, daß die Pflege der Tonkunst hierzulande allzeit in bestem Renommee gestanden habe. Jedoch die neuere Geschichte liefert Zeugnisse für ein bremisches Musikleben, dessen Merkmal freilich weniger äußerer Glanz als innere Solidität ist, was auf die Dauer zweifellos mehr bedeutet. Zu den bemerkenswertesten historischen Daten gehört die Uraufführung des "Deutschen Requiem" von Brahms im Bremer Dom. Überhaupt hat der Domchor schon lange die Rolle eines geistigen Zentrums aller Musikausübung in Bremen gespielt, und auch heute genießt er unter seinem Leiter Professor Richard Liesche internationalen Ruhm. Die "Bremer Stadtmusikanten" unserer Tage indessen haben ebenfalls schon längst nichts gemein mit den Märchenfiguren. Sie heißen jetzt "Bremer Philharmonisches Staatsorchester" und stehen gerade im Begriff, ein neues Blatt ihrer künstlerischen Entwicklungsgeschichte zu beschreiben. Zur Zeit des Generalmusikdirektors Wendel genoß auch dieses Orchester einen hervorragenden Ruf weit über die Stadt- und Staatsgrenzen hinaus. Die Wechselfälle der letzten Jahrzehnte haben eine kontinuierliche Fortsetzung der damaligen Höhenlinie nicht immer zugelassen. Doch gelang es jedenfalls, die Musiziergemeinschaft in guter Form über alle Schwierigkeiten hinweg zu geleiten, und nach dem zweiten Weltkriege war es ohne Frage’ein Glück für die Bremer Philharmoniker, daß sie in Helmuth Schnackenburg einen Dirigenten hatten, der seine Kräfte nicht in Gastspielreisen zersplitterte, sondern seine volle Sorgfalt auf die ihm gestellte Aufgabe an Ort und Stelle richten konnte. Mit dem Ausbau der Landesmusikschule, an deren Spitze Schnackenburg berufen wurde, hat sich nun das Gewicht seiner Tätigkeit verlagert. Von den Philharmonischen Konzerten wird er künftig nur noch zwei in der Spielzeit leiten.

Als musikalischen Generalissimus für den gesamten Opern- und Konzertbetrieb, also insbesondere auch als ständigen Dirigenten des Philharmonischen Staatsorchesters, holte man sich Paul van Kempen, der bereits mit großem Erfolg mehrere Abende leitete und sein Amt offiziell mit Beginn der kommenden Saison antritt. Seine Funktion als Musikleiter des Senders Hilversum behält er bei. Dieser (am 16. Mai Sechzigjährige) überaus vitale Musiker, der seinerzeit die Dresdener Philharmonie auf Weltformat brachte, verfügt über die glückliche Kombination erzieherischer und geistig-gestalterischer Eigenschaften, die den großen Dirigenten ausmachen und dabei auch eine künstlerische Linie der gesunden Aktualität garantieren.

Nicht verschwiegen werden darf die Ausnahmestellung, die in musikalischer Hinsicht Radio Bremen unter den übrigen Sendern einnimmt. Auch dieses, weil der Leiter der Hauptabteilung Musik, Dr. Siegfried Goslich, ein Mann ohne Scheuklappen nach rückwärts oder vorwärts ist, der begriffen hat, daß es nicht Sache des Rundfunks ist, einer einzigen Stilrichtung einseitig zu dienen, sondern alle Richtungen und Möglichkeiten des zeitgenössischen Schaffens zu Wort kommen zu lassen, sofern sich in ihnen wirklich produktive Kräfte rühren. Die verschiedenen Sendereihen, mit denen Goslich diesen Auftrag kulturellen Verantwortungsbewußtseins erfüllt, sind vorbildlich in Auswahl und Anordnung und geeignet, weitere Kreise des musikempfänglichen Publikums für die Tonsprache der eigenen Gegenwart zu gewinnen. A-th