Getreu den Richtlinien des SED-Politbüros, das "klassische deutsche Kulturerbe auf die sozialistische Gegenwart anzuwenden", haben jetzt zwei gelehrte Herren in Ostberlin, Dr. Walter Pollatschek und Professor Hans Siebert, ihren Auftrag vom sowjetdeutschen Volksbildungsministerium, die Volksmärchen der Gebrüder Grimm umzuschreiben und zu verfälschen, erfüllt und das Ergebnis ihrer Arbeit im Ostberliner "Kinderbuchverlag" in der Auflage von 60 000 Exemplaren vorgelegt.

Die Erkenntnis, Märchenstoffe seien stets als kulturelles Erziehungsmittel zu betrachten, wird in einem dem Märchenband beigelegten Kommentar von Professor Siebert auf originelle Weise erweitert –: dieses kulturelle Erziehungsmittel müsse den neuen, in der Sowjetzone seit 1945 herrschenden Verhältnissen angepaßt werden. Man hat es in Ostdeutschland heute nicht mehr nötig, zu verschleiern, nein, offen wird zugegeben, daß einundzwanzig deutsche Volksmärchen "bearbeitet" wurden, "entsprechend dem gesellschaftlichen Bedürfnis unserer antifaschistischen Ordnung". Diese Bearbeitung sei ein "notwendiges Gebot" gewesen, ein Befehl von oben, vom Pädagogischen Zentralinstitut der Sowjetzone, dessen Leiterin, Frau Professor Else Zaisser, Gattin des ostzonalen SSD-Chefs, den beiden genannten Herren den Auftrag persönlich erteilte.

Bei der Auswahl der Märchen wurden diejenigen bevorzugt, "deren erzieherischer Wert für die demokratische Erziehung unserer jungen Generation festzustehen scheint"; besonderes Gewicht legte der "Bearbeiter" Dr. Pollatschek auf die radikale Ausmerzung aller Ausdrücke, die an Glück, Wohlstand und christlichen Glauben erinnern. Nicht mehr erwähnt werden darf in dem Märchen "Die sieben Raben" das neugeborene Mädchen, so schmächtig und klein, daß es "wegen seiner Schwachheit die Nottaufe haben sollte". Aus "Gott gebe, unser Schwesterlein wäre da", wurde "Oh, wäre doch unser Schwesterlein da".

Das Märchen vom "Tischlein deck dich" endet in der neuen Version auf ganz andere Weise mit einem sozialistischen Happy-End. Der Schneider verschließt nicht Nadel und Zwirn, nicht Elle und Bügeleisen in einem Schrank und lebt mit seinen drei Söhnen in Freude und Herrlichkeit (sie waren ja im Besitz der drei Zaubergaben Tischleindeckdich, Goldesel und Knüppelausdemsack ) – nein, jetzt legen die Handwerksburschen ihre Zaubergaben beiseite und machen sich weiter emsig an die Arbeit, denn, so heißt es in dem Kommentar von Siebert, "erst Marx und Engels geben den Handwerkern und Werktätigen die Waffe des wissenschaftlichen Sozialismus zur Eroberung eines besseren Lebens, wo das Tischchen nicht durch Zauber, sondern durch planvolle sozialistische Arbeit stets gedeckt ist. An die Stelle der Phantasie über ein besseres Leben des arbeitenden Volkes tritt das Wissen um den siegreichen Kampf der Werktätigen, für den die Sowjetunion das große Vorbild ist."

Die kindliche Phantasie unter Staatskontrolle zu stellen, das Denken der Kinder in vorgezeichnete Bahnen zu lenken und schließlich vor der östlichen Besatzungsmacht auf dem Bauche zu kriechen, diese Aufgabe haben Pollatschek und Siebert auf eine beschämend diensteifrige Art gelöst. Keines der ausgewählten Märchen blieb in seiner ursprünglichen Form bestehen, "Das Einäuglein, Zweiäuglein und Dreiäuglein", "Dornröschen" (Kommentator Siebert: "Symbol des deutschen Nationalcharakters, dessen Dornhecken der Schmach und Schande dank der Befreiungstat der Roten Armee gefallen sind...") und auch "Rotkäppchen" nicht, das "sich selbst verpflichtet" der Großmutter das Essen zu bringen. (Siebert: "Ein Beispiel bewußter Disziplin").

"Der süße Brei", der von dem frommen Mädchen durch die Zauberformel "Töpfchen koch" gewonnen wird, wird von Siebert folgendermaßen kommentiert: "Das Märchen von der Wunderhirse wird zur Wissenschaft von den hohen Getreideerträgen im Land des Sozialismus. Die Hirse verhilft der Roten Armee zu ihren völkerbefreienden Siegen. Das Märchen wird wahr. Nicht nur durch das große Land des Sozialismus, sondern die ganze Welt beginnt schon zur Hälfte satt zu werden durch den Sieg der Kräfte des Fortschritts und des Friedens über die imperialistische Welt des Kapitalismus." Und weiter: Schon ist das Märchen "überboten", und zwar durch die Geschichte vom Kosaken Bersijew, einem Jünger Mitschurins und Lyssenkos, der 1940 aus einem einzigen Hfrsekorn siebenhundert neue züchtete!

Die Hauptaufgabe Pollatscheks und Sieberts ist erfüllt: einundzwanzig deutsche Volksmärchen der Gebrüder Grimm sind verfälscht worden, die einhundertundvierzig Jahre alten Figuren sind kaum noch Figuren einer Märchenwelt, sie sind nur noch Mittel zum Zweck –: der Schaffung eines neuen Märchenreiches, das Sowjetunion heißt. Horst S. Zeiler