Wenige Wochen nach Karl Jaspers vollendet José Ortega y Gasset das siebente Lebensjahrzehnt. Die Festschrift für Jaspers (bei Piper in München soeben unter dem Titel "Offener Horizont" erschienen) enthält einen Beitrag des Spaniers über die Anfänge der griechischen Philosophie. Wollten jene Denker das wissenschaftliche Fach Philosophie begründen? Nichts lag ihnen ferner als das. Philosophie, als Wissenschaft neben anderen betrieben, arbeitet in einem geschlossenen, ja, verkapselten Horizont. Jene Hellenen aber öffneten die durch traditionelle Religion versperrten Horizonte ihrer Welt und wagten sich hinaus auf das Meer des Denkens. Als Ortega vor fünfundzwanzig Jahren als europäische Figur sichtbar wurde (zunächst mit dem "Aufstand der Massen"), taten sich viele verrammelte Türen auf. Alle Ideologien, von der konservativen bis zur sozialistischen und von der liberalen bis zur kommunistischen, standen blamiert im offenen Horizont eines unbequemen und doch ganz gelassenen Fragens nach den Motiven, aus denen der Mensch sich Ideologien baut.

Ortega köpfte die Ideen, wie einst die spanischen Ritter ihre maurischen Gegner, mit der unbekümmerten Grandezza des Mannes, der auch im gefährlichsten Abenteuer seiner Sache sicher ist. Er war damals ein ordentlicher Universitätsprofessor für Philosophie. Aber davon ließ er in seinen Schriften nichts merken. Sie muteten an, als ständen wir alle erst vor den Toren eines Denkens, das unserer Zeit gerecht zu werden vermag.

Seit damals hat sich manches geändert. Ortega ist ein ambulanter Philosoph geworden wie die Stoiker der späten Antike. Er ist mehr geworden als ein Spanier. Aber wurde er ein Europäer? Das kann man nur dann von ihm sagen, wenn man unter den wirklich guten Europäern solche Denker versteht, die es verhindern, daß Europa sich in seinem Geleise festfährt. Ortega gehört der Mittelmeerwelt an, und die ist nicht einfach ein Teil, sondern in ihren besten Repräsentanten ein Pfahl im Fleisch Europas. cel.