Wir sitzen, bei einem Drink plaudernd, in einer Schiffsbar, als seien wir vor dem Essen und auf großer Fahrt. Doch sind wir nicht in einem Schiff. Die Bar ist aus einem von Bomben versenkten Dampfer vom Hafengrund heraufgeholt und ins Verwaltungshaus der Hafenlagergesellschaft eingebaut worden, und durch die Bullaugen sehen wir in den Betrieb des "Überseehafens". Wir trinken, ich Whisky, mein Gastgeber einen "Libera Cuba". – "?? Nie gehört!" – "Coca Cola mit Rum! Als 1939 der Krieg ausbrach, lag ich einige Wochen mit meinem Schiff im Golf von Mexiko, bei Vera Cruz. Da trank man es immer. Ich hab’ die Neigung beibehalten." Denn mein Gastgeber ist Wilhelm Daehne, der letzte Kapitän der "Columbus", jetzt der Bremer Hafendirektor.

Und er erzählt das Schicksal seines Schiffes

Ende Oktober 1939 übermittelte der deutsche Konsul in Vera Cruz den Befehl aus Berlin, daß die "Columbus" auszulaufen habe, Ziel Haugesund in Norwegen. Der Kapitän fuhr zur Gesandtschaft nach Mexiko City und bemühte sich, zu überzeugen, daß einem solchen Befehl nichts als Unsinn zugrunde liegen könne, denn es bestehe keine Aussicht, aus dem Golf von Mexiko heraus- und durchzukommen. Ein deutscher Dampfer, die "Emmy Friedrich", der es gerade versucht hatte, war an der Yukatastraße schon versenkt worden. Aber in Berlin bestand man darauf und überließ die Ausführung dem Kapitän, der sich fügen mußte und an die Herrichtung des Schiffes für die Todesfahrt ging. Die "Columbus" hatte 30 000 Tonnen, also stattliche Ausmaße. Außenbords wurde alles, was weiß war, grau gestrichen. Die Rettungsboote wurden bereit gemacht, Versenkungsübungen angestellt, daß für den Fall der Notwendigkeit das Schiff rasch und sicher dem Feind entzogen würde. Die ausländischen Besatzungsmitglieder und die Stewardessen wurden abgemustert, und als die "Columbus" am 14. Dezember 1939 auslief, für eine Fahrt von 6000 Kilometern mit allem Notwendigen versehen, waren noch 579 reichsdeutsche Angestellte an Bord.

Gleich waren zwei amerikanische Zerstörer da, die an der Grenze der Hoheitsgewässer mitfuhren, innerhalb. derer die "Columbus" Kurs hielt. Die Vereinigten Staaten waren noch nicht im Krieg, die Absichten der Amerikaner dem Schiff gegenüber unbekannt. Sie wurden von Zeit zu Zeit durch andere, schließlich durch einen Kreuzer abgelöst und folgten immer in derselben Entfernung, die oft nur 200 Meter betrug, jeder Kursänderung der "Columbus".

Am fünften Tag, dem 19. Dezember, um 13 Uhr verließ die "Columbus" die neutrale Zone. Schon zwei Stunden später wurde der kanadische Zerstörer "Hyperion" gesichtet, der mit hoher Fahrt heran kam. Um 15 Uhr 57 signalisierte er mit Flaggen: "Stoppen Sie sofort die Fahrt", es wurde nicht beantwortet. 16 Uhr 05: zwei Granaten vor den Bug der "Columbus", 16 Uhr 06: Befehl des Kapitäns an den leitenden Ingenieur: "Schiff versenken!" 16 Uhr 14 waren alle Rettungsboote besetzt und frei vom Schiff, bis auf zwei, die zur Aufnahme des Versenkungskommandos bestimmt waren. 16 Uhr 29 waren auch diese besetzt und steuerten davon.

Achter- und Mittelschiff der "Columbus" standen in hohen Flammen, in die Maschinenräume zischte der Dampf aus den Kesseln, durch die geöffneten Schotten stürzte das Wasser ein mit einer Masse von 5000 bis 6000 Kubikmeter in der Stunde. Der kanadische Zerstörer war bis auf hundert Meter herangekommen. Auf dem sinkenden deutschen Schiff war der Kapitän noch allein an Bord. Längsseit lag für ihn ein Motorboot, und in dieses ließ er sich an einem Manntau hinab, als auch die Kommandobrücke Feuer gefangen hatte. Er umfuhr noch einmal den Koloß, um Abschied zu nehmen. Die "Columbus" ist dann rasch, ohne Schlag-’seite, in die Tiefe gesunken.

Kapitän und Besatzung wurden von dem amerikanischen Kriegsschiff aufgenommen, das in der Nähe geblieben war, und in Ellis Island interniert. 1905, als ich in Hamburg lebte, las ich in den Zeitungen, die Reederei Rickmers in Bremen, damals eine der bedeutendsten der Hansestädte, ja, der Welt, stelle in der nächsten Zeit ein neues Segelschiff in Dienst, die "C. R. Rickmers", eine Fünfmastbark, die mit 5580 Tonnen das größte deutsche Segelschiff war und der "France", dem größten der Welt, nur um 150 Tonnen nachstand. Ich las auch, daß Kabinen für Reisende eingebaut wären und daß das Segelschiff in den nächsten Wochen auf die Jungfernreise nach Südamerika ginge. Ich meldete mich zur Mitfahrt, bekam zunächst eine Zusage, der acht Tage später eine Absage folgte: Die Familie des Reeders habe sich entschlossen, selber die erste Reise mitzumachen, so bliebe kein Raum für fremde Passagiere. Das Schiff ist von dieser Reise nicht zurückgekehrt und blieb, mit Besatzung und Gästen, spurlos verschollen.