Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Anfang Mai

Semjonow, der sieben Jahre lang in Berlin-Karlshorst der politische Berater der Schukow, Sokolowski und Tschuikow gewesen ist, wird jetzt im "Außenpolitischen Kollegium" Molotows Deutschland-Berater sein. Zwar sitzt dort auch schon Puschkin, der zwei Jahre lang der erste Botschafter Moskaus in Berlin-Pankow gewesen ist, aber Semjonows intime Kenntnis aller politischen Nachkriegs-Entwicklungen in Deutschland ist umfassender als die jedes anderen russischen Deutschland-Experten. Man hat Semjonow, der den Umgang mit vielen "bürgerlichen" Politikern der Sowjetzone Besonders pflegte, nachgesagt, er der dem Kreml, bei seiner Deutschland-Politik die nicht-kommunistischen Gruppen der SED vorzuziehen.

Als jetzt der Kominform-Ideologe Judin Semjonow als Berater General Tschuikows ablöste, nahm auffallenderweise die SED vom Abgang Semjonows kaum Notiz, während sie den neuen Mann Judin bei vielen Gelegenheiten öffentlich herausstellte. Zur Mai-Demonstration im ehemaligen "Lustgarten" zeigte sich Judin denn auch auf der Ehrentribüne zwischen Grotewohl und dem Staatssicherheitsminister Zaisser. Von einer Abwertung der Sozialistischen Einheitspartei zugunsten anderer politischer Gruppen kann gegenwärtig keine Rede mehr sein. Die vielfach im Westen genährte Erwartung, der Malenkowismus werde um seiner Deutschland-Politik willen die SED vielleicht fallen lassen, erweist sich wie manches andere dieser Moskauer Friedensoffensive als trügerisch. Interessanter ist vielmehr, daß Judin sogar an einer sogenannten "Organisationsberatung" der SED teilgenommen hat, die praktisch die Aufgabe hatte, die SED völlig auf Struktur und Organisation der sowjetischen KP umzustellen. Den Leiter der Kader-Abteilung im Zentralkomitee der SED, Franz Dahlem, trafen auf der Beratung die vollen. Vorwürfe einer offensichtlich gelenkten Kampagne. Da Dahlem gleichzeitig als Leiter des Westbüros und Mitglied der kommunistischen Westemigration ohnedies seit langem für die SED suspekt ist, wird verständlich, daß er bei dieser Auseinandersetzung ebensowenig in Erscheinung getreten ist, wie kurz danach beim Mai-Aufmarsch der SED.