Man möchte so gern – auch und gerade über den Fußball – Erfreuliches schreiben, aber man kommt nicht dazu. Ein Skandal jagt den andern. Nach dem Kampf um den zweiten Platz in der Fußball-Oberliga Nord zwischen Werder Bremen und Holstein Kiel beschuldigte Werder den Schiedsrichter dieses Spieles gewisser Regelverstöße und, was noch schlimmer war, der passiven Bestechung. Die Kieler hatten in Bremen gesiegt und damit das ersehnte Ziel, in die Endspiele der deutschen Fußball-Meisterschaft zu kommen, erreicht. Werder war hinten herunter gefallen. Prompt wurde nun ein Schuldiger an dieser Panne gesucht und in dem Schiedsrichter gefunden. Das schwerste Geschütz, das man auffahren ließ, war die Behauptung der Bremer, der Unparteiische hätte mit Absicht das Spiel zu Ungunsten von Werder verschiedsrichtert, weil ihm von den Kielern kurz vor dem Spiel eine Einladung zu einer Sommerreise ins sonnige Griechenland und weiter sogar in die Türkei angeboten worden war, die er begreiflicherweise auch recht gern angenommen habe. Schließlich will jedermann schon sagen, daß es ein ziemlich starkes Stück gewesen ist. Als Zeugen wurden ein Pfarrer, ein ehemaliger Offizier und ein Arbeitsloser benannt, denen gegenüber der verdächtige Mann selber den Tatbestand zugegeben haben soll.

Die Presse – und nicht nur sie – schimpfte mit Recht über diesen neuen Sündenfall. Die Sportbehörden waren nicht minder verärgert und empört, und alle Welt nahm als sicher an, daß nun endlich einmal ein Exempel statuiert werden würde, zumal ja der Deutsche Fußball-Bund selbst immer wieder erklärt hat, energisch durchgreifen zu wollen. Man durfte auf den Ausgang der Untersuchungen und des Verfahrens wohl gespannt sein. Und was ist nun dabei herausgekommen? Nichts! – Wir haben nichts anderes erwartet.

Nach wenig überzeugenden und befriedigenden Voruntersuchungen kam schließlich der Fall des beschuldigten Schiedsrichters Holze vor den Spielausschuß des Norddeutschen Fußball-Verbandes, der den Protest des SV Werder zurückwies, weil sich die Beschuldigungen nicht hätten beweisen lassen. Das gesamte Verhandlungsmaterial aber wurde dem Vorstand des NFV übergeben, damit er nun seinerseits gegen die Bremer vorgehen soll, weil man das Verhalten von Werder als in höchstem Maße unsportlich bezeichnen müsse. Und zu dieser Entscheidung und zu diesem Werturteil kam man, ohne daß auch nur einer der von dem Ankläger benannten Zeugen vernommenen wurde! So – geht es nun aber nicht. Man kann doch nicht gut behaupten, daß jemand den Beweis für seine sehr schwerwiegenden Behauptungen schuldig geblieben sei, wenn man sich nicht einmal der selbstverständlichen Mühe und Pflicht unterzieht, die Zeugen zu vernehmen, die ihrerseits sogar ihre Beschuldigungen an Eides Statt vor einem Notar zu Protokoll gegeben hatten.

Was wird nun der Vorstand des NFV machen? Das erste, was er tun sollte, und zwar sofort, auch ohne bereits in die entscheidende Sitzung einzutreten, wäre, das umstrittene Spiel vorerst einmal für-unrultig zu erklären oder die Wertung auszusetzen. Denn bei der völlig ungeklärten Sachlage kann man weder behaupten, daß Werder leichtfertig gehandelt habe – dieser Sportverein kann einmal die Welt kennenlernen. Wenn das aber tatsächlich der Fall gewesen sein sollte, so muß man zumindest den Einwand der "Wahrung berechtigter Interessen" erheben –, noch daß Holstein Kiel und der Schiedsrichter erwiesenermaßen schuldlos seien. Immerhin liegen doch notarielle eidesstattliche Erklärungen vor, von denen wir bei der Person der genannten Zeugen kaum annehmen möchten, daß sie wider besseres Wissen leichtfertig abgegeben worden sind. Daß aber ein Verein, der in eine so heikle Angelegenheit verwickelt ist, zu den entscheidenden Spielen um die höchste Trophäe, die unser Fußballbund zu vergeben hat, eintritt, ist peinlich und wirkt äußerst befremdend. Allein um das Ansehen des Fußballsports willen scheint uns diese Lösung die einzig mögliche zu sein, mögen auch noch so sehr bürokratische Bedenken dagegen bestehen oder der Buchstabe des Sport-Gesetzes es als unmöglich erscheinen lassen. Selbst auf die Gefahr hin, daß Terminschwierigkeiten entstehen, sollte man sich nicht scheuen, Holstein-Kiel zunächst nicht antreten zu lassen. Außergewöhnliche Vorkommnisse verlangen und rechtfertigen außergewöhnliche und ungewöhnliche Maßnahmen.

Und wie wird der Deutsche Fußball-Bund, als höchste Instanz, reagieren?