Diesmal ist Norbert Jacques, der erprobte Reisereporter, zu Entdeckungsfahrten in den Stadtstaat an der Weser, nach Bremen, ausgezogen, und hat den Charakter dieser traditionsgebundenen, aber weltoffenen Hansestadt aufgespürt. In den Schilderungen der Menschen und ihrer Wirkungsstätten: des Hafens, der Straßen, der repräsentativen Bauten und Vergnügungsplätze erleben wir auf dieser und den folgenden Seiten das alte und das lebensvolle moderne Bremen.

Man hat die Augen noch voll des Lichtes, das hundert Kilometer Autobahn an einem Aprilmorgen aus Sonne und stürmischen Vorfrühlingswolken zwischen Erde und Himmel mischen. In Bremen angekommen, stellt man den Wagen rasch auf dem Parkplatz des Hotels ab und beeilt sich, ins Stadtinnere zu gelangen. Zur Erinnerung an den Sturm des Vormittags, der Sand- und Staubwolken in die Stadt trug, liegen abgerissene Äste umher.

Man durchgeht den "Wall", einst Grenze und Wehr der Stadt, jetzt ein Mittelteil des alten Bremens, ein Gürtel von Rasen, Bäumen, Sträuchern, Grün und Wasser. Man wundert sich über eine komplett erhaltene Windmühle auf einem nahen Hügel. Es herrscht noch immer ein Acht-Meter-Wind, aber die Flügel der Mühle drehen sich nicht, sie stehen still, als seien Atmosphäre und Luft um sie neutralisiert. Abgerissene Ästdien wirbeln zu den starren Flügeln hinauf...

Hinter dem Wall engt sich die Stadt plötzlich ein mit Straßen und Gassen, in denen die nach dem Krieg wiederhergestellten Häuser das reine Gesicht der Sachlichkeit zeigen. Kirchtürme machen kenntlich, daß dies das Zentrum ist; auch die Läden bezeugen das. Viele haben Auslagen mit Zigarren, und die schwarzen aus Brasiltabak, dem Tabak Bremens, walten vor.

Es ist Mittag. Um diese Stunde schlucken die Straßen den Verkehr der Auto- und Radfahrer nicht glatt, denn auch elektrische Bahnen klemmen sich mit dazwischen, und es kommt ein Augenblick, wo selbst die Fußgänger auf dem Gehsteig zusammengepreßt werden und Zeit suchen müssen, sich herauszuwirren. So saß ich plötzlich am Rand zwischen Bürgersteig und Straße fest und hatte Muße, die Umgebung anzusehen. Und da war, wie mit einem Zauberschlag, ein Bild in meinem Blick, das fast tausend Jahre umfing.

Die wuchtigen romanischen Mauern der Liebfrauenkirche mit den breiten Türmen ohne Kopf, das grüne Hochdach und der Giebel des Rathauses mit gotisch-bogigen Fenstern und die emporgereckte Masse des Doms zwischen dem spitz und grün behüteten Turm paar... Bauarten aus drei großen Epochen, die tausend Jahre Menschheit und Menschensehnsucht umfassen, schieben und drängen sich, wuchten zueinander und erheben sich, gleich Gottes- wie Menschenwerk, Stein und Geist. Im ersten Augenblick ist man sogar entschlossen, alle Schiffe und Autos, alles Schmausen und Bechern und alle Abenteuer dafür hinzugeben.

Drei Minuten später gehe ich an dem Roland vorbei, der wie ein feierlich wohlgeratenes Kind in dieser Umwelt steht. Aus der Fassade des Doms schaut die zierliche Galerie mit ihren vielen kleinen Bögen her. Sie läuft wie ein verschwiegener Liebesgang durch die Masse des Mauerwerks. Und dann läßt man sich durch die Bogentür in den Dom hineinlocken.