Intoleranz ist das Zeichen einer rohen Sensibilität und das sicherste Erkennungsmittel der Barbarei.

Aus dem Vorwort zum Katalog

Die Stadt Hamburg hat zum 1. Mai eine neue Brücke über die Alster erhalten, bei der das schwierige Problem, neben eine formal sehr gu: gestaltete Brücke aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts zur Verdoppelung der Fahrbahn in geringem Abstand eine neue im Stile unserer Zeit zu setzen, vorzüglich gelöst worden ist. Zum gleicher. Tage hat der Senat der Stadt auch einen neuen Park beschert, am rechten Alsterufer gelegen, und damit das Stadtbild in einer vorzüglichen Weise umgeschaffen. In den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war dieser Alsterpark bereits im Bebauungsplan vorgesehen, erst heute jedoch ist das Projekt verwirklicht worden. Man hatte bislang die Kosten gescheut, und da könnte denn manche! meinen, das Geld, das dieser Park gekostet hat; wäre in unseren Tagen besser für dringendere Aufgaben, den Wohnungsbau etwa, verwandt worden. Wer aber die Menschen gesehen hat, die in der strahlenden Sonne des 1. Mai enggedrängt und fröhlich durch diese grünen Anlagen schlenderten, wird zugeben müssen, daß der Hamburger Senat mit diesem neuen Park jedenfalls vielen Bürgen seiner Stadt eine große Freude gemacht hat, und eben das sollte man in unserer Zeit, in der es wenige freudige Ereignisse gibt, nicht gering schätzen.

In diesem neuen Park nun hat die Stadt zu seiner Einweihung eine Ausstellung "Plastik im Freien" aufgebaut. Sie ist nicht die erste ihrer Art. Im Jahre 1951 gab es eine ähnliche, allerdings auf deutsche Bildhauer beschränkte in Hannover (sie führte den Titel "Plastik im Garten und am Bau") und im vorigen Jahre eine internationale in Arnheim. Daß Plastiken einmal nicht in einem geschlossenen Raum eines Museums, sondern in einerr Park oder Garten gezeigt werden, ist zweifellos ein begrüßenswertes Unternehmen. Doch sollte man hier nicht in den Fehler der Intoleranz verfallen Man sollte nicht verlangen, daß alle Plastiken sich innerhalb der freien Natur, einer Umgebung also für die sie doch unter Umständen gar nicht geschaffen sind, zu bewähren haben.

Da ist Adolf von Hildebrands "Bogenschütze" vom Hubertusbrunnen in München. Nach dem Willen seines Schöpfers soll er in einer halbrunden Nische stehen, die mit einer muschelförmigen Halbkugel abgeschlossen ist. Hildebrand, ein großer Theoretiker des plastischen Schaffens, hat in seiner Schrift "Das Problem der Form" sich sehr exakt über das Verhältnis einer Statue zu ihrer Umgebung, über die Schichten der plastischen Darstellung in ihrer Beziehung zu dem umschließenden Raum geäußert. Dieser "Bogenschütze" steht in Hamburg in einem Rhododendron-Gebüsch und wirkt seltsam haltlos, ja geradezu verwackelt, und eigentlich unplastisch, da er jetzt als Rundplastik dasteht und von Hildebrand sehr viel stärker in der Richtung auf eine reliefartige Wirkung gedacht war. So zeigt sich denn, daß die Aufstellung im Freien keineswegs jedem Bildwerk gerecht wird.

Da sind zwei Plastiken von Rodin, "Johannes der Täufer" und die Skizze zu einem der "Bürger von Calais". Beide Arbeiten sind in dem lichtdurchfluteten Atelier von Meudon entstanden. Wir wissen aus den "Gesprächen" von Paul Gsell, daß Rodin über die Notwendigkeit, die Wirkung des Lichtes bereits bei der Anlage einer Statue genau zu überlegen, viel nachgedacht hat. Mit wenigen Griffen exemplifizierte er dies an Tonmodellen, die er, um die großen Gegensätze in der Lichtführung darzustellen – mit seinen geschickten Händen vor seinem Besucher knetete. Kein Wunder, daß seine Plastiken auch auf freiem Rasen ohne anderen Hintergrund als den Himmel hervorragend wirken.

Wir haben diesen Gegensatz so ausführlich beschrieben, weil wir uns gegen die These wenden, daß jede Plastik in ihrer Auseinandersetzung mit der Natur und dem freien Räume sich bewähren und danach beurteilt werden müsse. Das wäre eine sehr totalitäre und zugleich auch sehr nihilistische These. Wie sehr man dabei den Künstlern Unrecht täte, zeigt etwa die Plastik "Der Wagen" von Alberto Giacometti. In Philadelphia bei der Internationalen Plastikausstellung im "Museum of Art" wirkte sie sehr reizvoll, sehr geistreich in ihrer modernen Abwandlung alter etruskischer Motive. Hier, im Freien ohne anderen Hintergrund als Büsche, stellt sie sich so durchlöchert dar, daß irgendeine plastische Wirkung von ihr nicht ausgehen kann.