Dr. L. S., Maizuru/Japan, Mitte April 1953

Ein Name ist in Japan seit einiger Zeit in aller Munde: Maizuru. Es ist eine kleine japanische Hafenstadt, die bis vor kurzem dem Durchschnittsjapaner kaum ein Begriff war. Seit aber dort die ersten japanischen Kriegsgefangenen, die jetzt aus Rotchina zurückkehren, eintrafen, berichten Radio und Zeitungen täglich über Maizuru. Im ganzen sind etwa 30 000 Japaner repatriiert worden.

Die kleine Stadt hat ihren heimkehrenden Landsleuten einen sehr festlichen Empfang bereitet. Frauen und Mädchen hatten ihre schönsten Kimonos angelegt und überreichten jedem ein Geschenk und Blumen. Ein Wald von Fahnen war von bunten Laternen festlich erhellt, grüner Tee und japanischer Reiswein flossen in Strömen.

Noch nie hatte das Städtchen so viele Journalisten zu sehen bekommen. Sie alle waren nach Maizuru geeilt, um endlich etwas über das nachbarliche Reich zu erfahren, das sich heute durch den Bambusvorhang von der Außenwelt besser abzuschließen vermag, als einst mit Hilfe der chinesischen Mauer. Man war zunächst sehr verblüfft gewesen, als die Regierung Mao Tsetungs plötzlich in die Repatriierung von 30 000 Japaner einwilligte, heute aber ahnt man bereits, daß diese Zuwendung gewissermaßen ein "trojanisches" Geschenk ist.

Der erste Eindruck befriedigte alle. Die Heimkehrer sind gut ernährt und anständig gekleidet. Natürlich waren auch Kranke dabei, vor allem tuberkulöse, aber die Mehrzahl, wie gesagt, machte einen frischen und gesunden Eindruck. Zunächst war man erstaunt, die einstigen Soldaten gewissermaßen in Uniform wiederzusehen, bald aber stellte sich heraus, daß diese bläulich baumwollene Kleidung das obligatorische Arbeitsgewand der chinesischen "Werktätigen" ist. Auch stellte sich bald heraus – und hierüber ist man nun keineswegs entzückt –, daß die Mehrheit in leidenschaftliche Kommunisten verwandelt worden ist. Wenn man ihre Erzählungen durch die Darstellung der natürlich ebenfalls vorhandenen Anti-Kommunisten ergänzt, so ergibt sich etwa folgendes Bild:

Die Versorgung mit lebensnotwendigen Mitteln hat sich in Rotchina während der letzten Zeit wesentlich verbessert. Die Werktätigen erhalten, ihrem Einkommen entsprechend, zu erschwinglichen Preisen ausreichend Lebensmittel und Kleider. Die Preise’sind seit einiger Zeit stabil und von Inflation ist heute keine Rede mehr. Arbeitslosigkeit ist ein unbekannter Begriff, es besteht im Gegenteil eine große Nachfrage nach Technikern, Ärzten und Facharbeitern. Der Schulbesuch ist obligatorisch, und in den kleinsten Ortschaften werden unentgeltlich Abendkurse abgehalten, in denen jeder schreiben und lesen lernen kann.

Auch die Förderung der Moral scheint der neuen Regierung sehr am Herzen zu liegen. Das große Heer der Prostituierten wurde in Arbeitslager gebracht, wo sie auf Staatskosten zu Fabrikarbeiterinnen umerzögen werden. Mit besonders drakonischen Maßnahmen geht man in Rotchina gegen das Opumrauchten vor Die ,,Opiumhohlen" wurden zerstort, ihre Der Fliegen mit einer Klappe zu schlagen, verhindert man nicht nur den Genuß dieses Giftes im eigenen Volke, sondern man benutzt es gleichzeitig als ein devisenbringendes Exportgut. Die staatlichen Sammelstellen für konfisziertes Opium haben ein ganzes Netz von Agenturen in den Staaten Südostasien und in anderen Ländern errichtet. Das Opium wird aus Rotchina mit Unterstützung staatlicher Organe herausgeschmuggelt, im allgemeinen offenbar nach Hongkong, von wo aus es dann den Weg in die weitere Welt antritt.