Es war zu Anfang Mai des Jahres 1189, daß Friedrich Barbarossa der Stadt und dem Hafen Hamburg in einem kaiserlichen Freibrief jene Privilegien verlieh, die ihre Vorrangstellung an der Unterelbe "für alle Zeiten" begründeten. Diesem historischen Faktum (und, nicht zu vergessen: dem hamburgischen Sinn für Tradition!) verdanken wir es, daß Hamburg seit einer Reihe von Jahren seinen "Überseetag" zu Ende der ersten Mai-Woche festlich begeht: zu einem Termin also, da sich seine Stadt-Landschaft – in diesem Jahre zudem noch besonders geschmückt durch die zur Gartenbau-Ausstellung geschaffenen Anlagen – im Maienglanz so prächtig präsentiert, daß jeder Anlaß entfällt, über das in aller Welt bekannte "typische Hamburger Wetter" auch jetzt noch Klage zu führen. In diesem Jahre erhält der Übersee-Tag sein besonderes Gepräge dadurch, daß mit ihm die Jubiläumsfeier des "Vereins Hamburger Exporteure" verbunden wird, über dessen Wirken in den fünfzig Jahren seines Bestehens unsern Lesern im folgenden von Dr. Rudolf Stephan berichtet wird: also einem der hervorragendsten Kenner und Helfer des hanseatischen Exporthandels, speziell des Überseegeschäftes. In diesem Zusammenhang mag daran erinnert werden, daß der Anteil Hamburgs an der deutschen Ausfuhr nach außereuropäischen Ländern mit fast 45 v. H. gut doppelt so hoch ist, wie sein Part am Export insgesamt (also die Ausfuhr nach den europäischen Nachbarländern eingeschlossen). Ähnlich bedeutsam, beim Import von Übersee sogar noch stärker ausgeprägt, ist die Stellung des Hafens im Einfuhrhandel. Mit besonderer Genugtuung wird man vermerken dürfen, daß zwischen Hamburg und Bremen, als dem zweiten großen Überseehafen des Bundesgebiets, ein echter und fairer Wettbewerb um die beste Leistung im Ginge ist, ungetrübt durch Konkurrenzgefühle und -manöver, und daß die Lieferanten und Abnehmer im In- und Ausland bei einer solchen "Arbeitsteilung" zwischen den beiden Handelsstädten ebenso "auf ihre Rechnung, kommen, wie diese selbst ... Daß Bremen immer "dazu gehört", wenn bei uns von Überseehandel gesprochen wird, mag durch die Tatsache unterstrichen werden, daß "Die Zeit" in der vorliegenden, zeitgerecht zum Übersee-Tag 1953 erscheinenden Ausgabe über die Freie um Hansestadt Bremen auf besonderem Raum berichtet.

In der von Günther Jantzen anläßlich des 50jährigen Bestehens des "Vereins Hamburger Exporteure" verfaßten Schrift finden sich die Sätze: "... Auf keinem anderen Lebensgebiet ist ein, so schneller und jäher Wechsel mit den vielen Unglücksdaten der deutschen Geschichte verbunden gewesen, wie gerade im Außenhandel. Wenn das Beispiel nicht auf nüchtern kalkulierende Kaufleute schlecht paßte, so wäre man fast versucht, an die Bewohner jener vulkanischen Himmelsstriche zu denken, die sich dort nach jedem Ausbruch erneut ansiedeln und den Kampf mit den Naturgewalten nicht aufgeben."

Die Geschichte des in einer Interessenvertretung, vereinten Berufsstandes der Exporteure ist tatsächlich die Geschichte des kaufmännischen Risikos Die anderen großen Erwerbszweige – Landwirtschaft, Industrie, Handwerk und auch der Inlandhandel – beruhen auf dem nur im Umfang veränderlichen Fundament des Binnenmarktes. Der Außenhändler hingegen kann die Grundlage seines Tuns jederzeit vollkommen verlieren; nicht nur in den großen Weltauseinandersetzungen, die die erste Hälfte unseres Jahrhunderts kennzeichnen, sondern ans an sich geringfügigen Anlässen, wie etwa der Verweigerung eines Einfuhrkontingentes gegenüber einem ausländischen Handelspartner, die mit dem Schei-:ern eines Vertrages einen ganzen Markt auf längere Zeit verschließen können.

Noch ein bemerkenswertes Faktum ergibt sich aus dieser Vereinsgeschichte, nämlich, daß der Betriff des Exporteurs eigentlich erst durch den organisatorischen Zusammenschluß der Ausfuhrgeschäfte betreibenden Handelsfirmen entstanden ist. Um die Jahrhundertwende gab es in Hamburg – und die Verhältnisse lagen in Bremen genau so – die großen Außenhandelshäuser, die den Import ausländischer Produkte jeder Art mit der Ausfuhr von Fertigwaren deutscher oder anderen Herkunft vereinigten. Sie trieben Außenhandel schlechthin, indem sie alles, was der von ihnen gewöhnlich durch Niederlassungen bearbeitete Markt bot und brauchte, kauften oder verkauften. Daneben aber gab es die Vielzahl der Exportkommissionäre, die als selbständige Kaufleute in einem meist festen Vertragsverhältnis mit überseeischen Häusern standen und deren Bezugswünsche gegen eine Kommission erfüllten. Aus diesen beiden, in ihrer Struktur, Größe und Kapital recht verschiedenen Typen hat sich im Laufe der Vereinstätigkeit der heute übliche Gattungsbegriff des Exporteurs herausgebildet, so viele Varianten es auch jetzt noch zwischen Länderfirmen, allround-Expoteuren und Fachexporteuren gibt.

Bei einem Vereinsjubiläum sollte man eigentlich niemals die kritische Frage unterdrücken, ob denn die Gründung nicht eigentlich besser unterblieben wäre. Wäre es nicht auch ohne sie gegangen? Nirgendwo ist die Gefahr so groß, daß Einrichtungen zum Selbstzweck werden, wie in der Organisation. Nun, die erwähnte Schrift versucht, darauf eine Antwort zu geben. Wenn sich im Wirtschaftsleben Konkurrenten zusammenfinden und diese Form Bestand hat, pflegen hierfür gute Gründe vorzuliegen. Das deutsche Verbandswesen hat sich erst um die Jahrhundertwende entfaltet. Die ökonomischen und soziologischen Gründe dieser Erscheinungsform und ihre Auswirkungen auf die Wirtschaftenden selbst sind bis heute viel zu wenig erforscht und dargestellt worden. Daß sich Exportkaufleute, die nach Ländern, Fachzweigen und Firmenstruktur unterschiedlichen Interessensphären zugeordnet waren, veranlaßt sahen, einen Verein, zu gründen, hatte tiefere Ursachen als der Zusammenschluß etwa der "am Caffeehandel betheiligten Firmen" oder der Hersteller von Porzellanwaren. Die großen Blockbildungen der Landwirtschaft und der Industrie, beide mit vorwiegend schutzzöllnerischer Grundhaltung und starkem Einfluß auf die Regierung, zwangen auch den Ausfuhrhandel zur Wahrnehmung gemeinsamer Interessen. Mag auch der unmittelbare Anlaß zur Gründung des Exporteur Vereins ein anderer gewesen sein – nach der Vereinsüberlieferung lag er in den Differenzen mit einer bestimmten Reedergruppe –, so war unter dieser Oberfläche sicherlich doch das Motiv der Gefährdung ausschlaggebend: Man fühlte sich gefährdet durch das Vordringen der Industrie im direkten Export, man sah handelspolitische Gefahren in einer zunehmenden Abkehr vom Freihandel – und man fühlte, vielleicht unbewußt, in der wilhelminischen Hoch-Zeit der Flotten- und Kolonialbegeisterung die steigende Gefährdung aus den verschlechterten deutsch-englischen Beziehungen.

Krisenzustände und Notlagen, bei wiederholtem Verlust aller Daseinsgrundlagen, sollten den Verein Hamburger Exporteure seit dem 1. August 1914 nicht mehr verlassen. Er brauchte sich somit über einen Mangel an Betätigungsgebieten nie zu beklagen. Um so verwunderlicher ist die Feststellung, daß in Zahl und Zusammensetzung der Mitgliedsfirmen ein geringerer Wechsel zu verzeichnen ist, als er sich etwa für die Zeit von 1850 bis 1900 in der Hamburger Kaufmannschaft vollzogen hat. Würden sich die 1903 in den ersten Protokollen des Vereins verzeichneten düsteren Ahnungen über den zunehmenden industriellen Direktexport bewahrheitet haben, dann dürfte es einen Stand der Exporteure heute gar nicht mehr geben. Tatsächlich aber ist die Zahl der jetzigen Mitglieder mit 600 ebenso hoch wie um 1913. Die Umsätze des Hamburger Exporthandels sind 1952 in absoluten (d. h. die Geldentwertung berücksichtigenden) Zahlen ausgedrückt, nicht geringer als 1938. Die Angestelltenzahl ist annähernd die gleiche, obwohl der Papierkrieg heute stark zurückgegangen ist (was gar zu leicht vergessen wird) und obwohl das Goethesche Wort über Amerika "es ist so verteufelt weit" heute nicht einmal mehr von Australien gilt. Zum Glück für den Kaufmann hat sich jedoch das Risiko des Übersee-Exports nicht verringert – es macht sich sogar zunehmend bemerkbar. Ein Indien-Exporteur äußerte kürzlich: "Es ist nichts leichter, als Geschäfte mit Indien abzuschließen, aber recht schwer, sich dabei auf die Dauer vor Verlusten zu bewahren." Die wirtschaftliche und politische Entwicklung in der Welt macht es nicht wahrscheinlich, daß dem Exporteur die seinem Geschäft förderliche Risikogrundlage so bald entzogen werden sollte.

Der Verein Hamburger Exporteure aber hat vielleicht seine bedeutsamste Leistung in der Zeit vollbracht, als es einen Export überhaupt noch nicht wieder gab – nämlich nach 1945. Als damals die Alliierten das Herauskommen deutscher Waren nur unter dem Gesichtspunkt der Ablieferung betrachteten, wurde bereits am 19. Oktober 1945 der alte in der Wirtschaftsgruppenzeit "gleichgeschaltete" und in die Organisation der gewerblichen Wirtschaft "überführte" Verein neu gegründet und unter der Nummer 1 in das hamburgische Verbandsregister eingetragen. So viel Vertrauen in eine bessere Zukunft hat wohl kaum ein anderer Berufsstand bewiesen, als gerade der der Exporteure, die es gerade nach dem damaligen Willen der Alliierten auf vorläufig unabsehbare Zeit nicht mehr geben sollte. Der Verein aber hat damals, zusammen mit den anderen Verbänden der Ausfuhrwirtschaft, in erster Linie aber mit seinen Schwestervereinen in Bremen, Remscheid, Düsseldorf und Lübeck, die Voraussetzungen dafür geschaffen, daß überhaupt ein reguläres Exportgeschäft wieder möglich wurde. Wenn heute Sorgen und Kümmernisse den Alltag des Exporteurs verdüstern, so stellt die eingangs erwähnte Schrift eine Art Erbauungsbüchlein dar: Nach den Jahresberichten zu schließen, hat es nämlich seit 1903 überhaupt keine Zeit gegeben, in der es dem deutschen Export und den mit ihm Befaßten wirklich gut ging. Dies dürfte sich, auch in Zukunft nicht wesentlich ändern. Aber hoffentlich wird hierüber der Chronist des Jahres 2003 noch zu berichten wissen.