"Das Erste Gesetz zur Förderung des Kapitalmarktes hat bewirkt, daß nunmehr die ohnehin spärlich anfallenden Gelder fast ausschließlich in das Bett von Herrn Schäffer fließenL" Dieser Ausspruch von Direktor Kinn (Hamburger Kreditbank), den er auf einer jüngst abgehaltenen Pressekonferenz machte, zeigt den Grund für die schnelle Zeichnung der vor einigen Tagen aufgelegten Länderanleihen, denn diese sind – ebenso wie die 5-v.-H.-Bundesanleihe von 1952 – mit Vorzügen ausgestattet, die je nach der Steuerstufe eine Rendite von 10 bis 20 v. H. ermöglichen. Das ist eine Attraktion, die an der Börse nicht ihresgleichen haben kann. In ihrem vollen Umfange scheint sie jedoch erst jetzt erkannt worden zu sein, anders ist doch wohl die plötzlich einsetzende Nachfrage nach der Bundesanleihe nicht zu erklären, die über ihrem Emissionskurs mit 98 3/4–98 1/2 v. H. gehandelt wurde.

Die RM-Papiere des Rentenmarkts fanden dagegen weniger Beachtung. Gesucht waren lediglich Zuteilungsrechte und Neugirosammelanteile. Aus dem Rahmen fielen wieder einmal die Harpener Bonds, deren Kurs infolge von Meinungskäufen in kürzester Frist von 105 auf 112 v. H. anzog. Ob aus der Tatsache, daß die Interessenten über gute Beziehungen zu den Schutzvereinigungen verfügen, Rückschlüsse auf den gegenwärtigen Stand des Umstellungsprozesses bzw. über einen möglichen Vergleich gezogen werden können, ist bei dem vielen Hin und Her in dieser recht unerfreulichen Angelegenheit schwer zu sagen. Sicher ist, daß Spekulationen, die auf eine Festigung der Position der Bonds-Inhaber nach dem Verkauf der Majorität von Harpener Bergbau an die Franzosen bauen, mehr als vage sind

Am Aktienmarkt ist man über eine "freundliche Grundstimmung" während der abgelaufenen Börsenwoche nicht herausgekommen, obgleich die Verabschiedung der "Kleinen Steuerreform" mit der darin enthaltenen Körperschaftssteuersenkung von 60 auf 30 v. H. einen anregenden Einfluß hätte ausüben können. In Börsenkreisen hält man die Verzögerungen, die durch eine ablehnende Haltung des Bundesrates möglich sind, für zu schwerwiegend, um schon jetzt mit Vorkäufen auf eine mögliche Hausse zu beginnen. Die Aussicht auf eine durch die Einkommensteuersenkung eintretende Hebung der Konsumkraft kam vorläufig nur den verbrauchsnahen Gesellschaften zugute. So zogen z. B. Karstadt, von 108 1/2 auf 133 v. H. an, auch die Brauereien profitierten davon. Bei ihnen ist übrigens die Aufwärtsbewegung der Kieler Brauerei "Zur Eiche" immer noch nicht zum Stillstand gekommen. Es hat also den Anschein, als ob hier die Arrondierungskäufe, die mit dem Oetkerschen Interesse für gewisse Brauereien in Zusammenhang gebracht werden, ihre Fortsetzung finden.

Rege Umsatztätigkeit herrschte am Markt der ehemaligen Großbanken. Die vorgelegten Abschlüsse haben im allgemeinen die gehegten Erwartungen über die relativ günstige Geschäftslage der Banken bestätigt. Auch die Reichsbank-Anteile konnten ihren Stand um 60 v. H. herum halten. Für Montane war selbst an der Düsseldorfer Börse die Umsatztätigkeit gering, von den anderen Plätzen ganz zu schweigen. Soweit sich Kursveränderungen ergaben, wurde diese um die Wochenwende herum, an der sich eine freundlichere Tendenz durchsetzte, wieder ausgeglichen, IG-Farben waren nur knapp behauptet.

Trotz aller schönen Worte, die am Überseetag in der Hamburger Börse über die Schiffahrt gesprochen wurden, blieben die Reederei-Papiere weiter im Hintertreffen. Die Frachtenlage ist alles andere als rosig, wenn sich auch in letzter Zeit einige hoffnungsvolle Besserungen ergeben haben. Hapag fielen von 35 auf 32 1/2 v. H. und Nordd. Lloyd von 30 auf 28 v. H. Je höher die Schiffe aus dem Wasser kommen, desto niedriger stehen die Reederei-Aktien. – Hochbahn-Aktien wurden anhaltend zu 74 1/2 v. H. gehandelt, das Geschäft in HEW-Papieren ist dagegen wesentlich ruhiger geworden, eine Folge der wachsenden Enttäuschung über die hinausgezögerte Vorlage des Geschäftsberichts für 1951/52 (30. 6.). Nicht ganz zu Unrecht weisen die Aktionäre darauf hin, daß die Gesellschaft, bei der man früher eine pünktliche Vorlage der Bilanzen gewohnt war, ihre Aktionäre als billige Kreditgeber auszunutzen beginnt. -ndt

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