Vom 11. bis 13. Mai fand in Baden-Baden die diesjährige Elektrotagung des VDEW und der HEA statt.

Die Marshallplan-Verwaltung legte Wert darauf, daß im Bereich der Energiewirtschaft mit den Gegenwertmitteln vor allem der Bau von großen Stromerzeugungsanlagen finanziert wurde, da sich so eine Beurteilung der Investitionsvorhaben einfacher gestaltet, als wenn die Mittel in einer Unzahl von Krediten aller Größenordnungen aufgesplittert worden wären. Man nahm damals auch an, daß es der Energiewirtschaft möglich sein werde, für die Finanzierung der kleineren und mittleren Vorhaben selbst zu sorgen. Diese Erwartung hat sich nicht im vollen Umfange verwirklicht. Vor allem konnte der Leistungsbau nicht schnell genug vorwärtsgetrieben werden. Hier liegt auch heute noch ein aufgestauter Bedarf vor.

Besondere Sorge bereitet das Niederspannungsnetz vor allem auf dem flachen Land. Der Bedarf der Bauern an Kraftstrom ist gestiegen und die Landwirtschaft drängt auf ausreichend leistungsfähige Verteilungsnetze. Das stößt auf Schwierigkeiten. Einmal fehlt das Geld, zum anderen aber führt die Elektrifizierung des Bauernhofes zu einem Spitzenproblem, da die Motore in einem Dorf alle zur gleichen Zeit und dabei nur wenige Stunden laufen. Die Elektrizitätsversorgungsbetriebe drängen daher, um den Strompreis niedrig halten zu können, auf eine stärkere Abnahme von Wärmestrom. Das aber macht enorme Investitionen für Warmwasserspeicher, Futterdämpfer und elektrische Herde notwendig, für die Finanzierungsmöglichkeiten geschaffen werden müssen.

Das Mittelspannungsnetz, über das die Verteilung in einem größeren Raum erfolgt, ist bereits weitgehend ausgebaut. Es reißen aber hier laufend Lücken auf, die vielfach durch Spannungserhöhungen überbrückt werden, was ein Auswechseln der Transformatoren und Isolatoren notwendig macht. Vor allem aber ist gerade hier ein erheblicher Verschleiß zu beseitigen. Ähnliches gilt für das dem Energietransport dienende Hochspannungsnetz mit 60, 110 und 220 kV Leitungen. Bei diesen Überlandnetzen stehen die ins Auge springenden großen Leitungsbauten heute etwas im Hintergrund gegenüber Verbesserungs-, Erneuerungs- und Ergänzungsmaßnahmen. Die großen Transportleitungen werden aber möglicherweise wieder dann wichtiger werden, wenn einmal endgültig die Streitfrage entschieden ist, ob die neuen Steinkohlekraftwerke in Zukunft an der Ruhr oder in der Nähe der großen Stromabnehmer gebaut werden sollen. Das ist zum Teil eine Frage des Kühlwassers, das bei den sehr großen Kesselanlagen eine bedeutsame Rolle spielt, vor allem aber, ob es wirtschaftlicher ist, auf langen Wegen Kohle mit dem Binnenschiff und der Eisenbahn oder elektrische Energie über Höchstspannungsleitungen zu transportieren. Soweit die Verwertung von Ballastkohle eine Rolle spielt, ist der Streit durch Vereinbarungen zwischen den großen Elektrizitätsversorgungsunternehmen an der Ruhr und dem Steinkohlenbergbau entschieden. Die Ballastkohle wird auf den Zechen in großen modernen Kraftwerken verfeuert werden. Offen ist die Frage, ob der zu erwartende Energieanfall vom Ruhrgebiet selbst aufgenommen werden wird oder ob das Revier große Mengen Strom wird abgeben können.

Um den internationalen Energieverbund ist es in den letzten Jahren stiller geworden. Keines der großen europäischen Industrieländer verfügt heute über einen echten Energieüberschuß. Die zwischen Frankreich, Belgien, Holland, der Schweiz und Westdeutschland bestehende Verbundwirtschaft dient nur dem Ausgleich von Spitzen. Das einzig bedeutendere Energieausfuhrland ist Österreich, das bei einem Ausbau seiner natürlichen Wasserkräfte seine Position noch verbessern könnte. Die Nutzung der Alpenwasserkräfte spielt in der europäischen Energieplanung eine große Rolle; mit den entsprechenden Fragen befaßt sich eine internationale Studiengesellschaft, der vor allem Italien, die Schweiz, Frankreich und Deutschland angehören. Das vor dem Krieg in energiewirtschaftlicher Hinsicht interessant gewordene Norwegen ist heute aus der Diskussion ausgeschieden, nachdem Skandinavien erklärt hat, daß es die dort anfallenden Wasserkräfte selber nutzen möchte. Dagegen wird in der letzten Zeit in Fachkreisen von dem zukünftigen Energieexportland Jugoslawien gesprochen. Die dort, vor allem an der Donau und ihren Nebenflüssen, gegebenen Verhältnisse werden zur Zeit von der UN genauer untersucht. Bis derartige Überlegungen und Projekte allerdings verwirklichungsreif werden, mag noch einige Zeit vergehen.

Was im Augenblick notwendig ist – und zwar nicht nur in Deutschland, sondern überhaupt in Europa –, ist der innere Ausbau des vorhandenen Systems durch Realisierung einer Unzahl von Projekten aller Größenordnungen, insbesondere auch der kleinen, an die die zentral eingesetzten Mittel in den vergangenen Jahren nicht herangekommen sind, und für die auch keine Kapitalmarktmittel zur Verfügung standen. Rgb.