K. W., Berlin, im Mai.

Wenn auf dem Faradayweg im eleganten, stillen westlichen Dahlem Sonntag mittags die schwere Limousine hält, wissen die Nachbarn, sie kommt von drüben, vom Sowjetsektor. In der Ostberliner Marienkirche hat Bischof Dibelius um 10 Uhr gepredigt. Es ist die bedeutendste evangelische Kirche Berlins, seit der Bischof von Berlin-Brandenburg zugleich auch Vorsitzender des Rats der Evangelischen Kirche Gesamtdeutschlands ist. Die einzige Kirche ist es, in der ein einzigesmal – es war beim Berliner Evangelischen Kirchentag – ein prominenter Kommunist, Wilhelm Pieck, gesessen hat. Sein Nachbar auf leicht vorgerückten Sessel war damals der Bischof selbst. Heute aber stehen rings um die große Kirche Volkspolizisten. Mehr als zweieinhalbtausend Menschen faßt das Gotteshaus. Wieder waren sie auch am vergangenen Sonntag dicht gedrängt: beobachtet, fixiert von den uniformierten und nicht nichtuniformierten Angestellten des kommunistischen Staatssicherheitsdienstes.

Dibelius kennt die intensive Beachtung, die seine Predigt gerade diesmal fand. In seinem strengen und weitläufigen Wohnhaus in Dahlem hat er am Abend zuvor, eingeschlossen in seine Bücherwände, sorgfältig gerade diese Predigt vorbereitet. "Ihr dürft ein offenes Gewissen haben! Nach Verfassung und Gesetz ist euch Glaubens- und Gewissensfreiheit zugesichert. Beruft euch auf- den Artikel 43 der Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik!..." Mit diesen Worten stellte sich der 75jährige Mann unpathetisch und nüchtern vor die 300 000 jungen Menschen der "Jungen Gemeinde" in der Sowjetzone, gegen die FdJ, Staatssicherheitsdienst und Ostregierung eine Kampagne mit Verhaftungen, Verleumdungen und Terror entfesselt haben. "Seid sicher, daß niemand euch nehmen kann, was ihr im Namen der Wahrheit tut! Die Propaganda gegen uns fällt an uns ab. Gegen die Propaganda setzen wir die Wahrheit und diese ewige Wahrheit hat ihr Recht auch in der Deutschen Demokratischen Republik." Schließlich fielen die Worte: "Ein neuer Kampf gegen die Kirche ist da. Die Kirche wird diesen zweiten Kampf mit Gottes gnädiger Hilfe bestehen, wie sie den ersten Kampf bestanden hat. Ihr Herr ist stärker als alle ihre Feinde."

Währenddessen war noch nicht bekannt, was an diesem Sonntag vom Berliner Bischof Dibelius vorbereitet wurde: das Schreiben an den sowjetzonalen Staatsanwalt, seine Anklage gegen die FdJ-Führung und gegen die FdJ-Zeitschrift "Junge Welt". Der Bischof verlangte, die Verfassungs- und Gesetzesverletzungen gegen die "Junge Gemeinde" und andere Einrichtungen der Kirche und ihre Pfarrer sollten unter Strafe gestellt werden. Über diesen Schritt spricht der Bischof wie über einen Akt der selbstverständlichen Rechtsausübung. "Das haben mir immer wieder Grotewohl und die anderen führenden Männer der Deutschen Demokratischen Republik gesagt: die Glaubens- und Gewissensfreiheit sei ein unverlierbarer Rechtsgrundsatz. Dazu muß ein Staat stehen." So sagt Dibelius. Er spricht ja nicht aus der Theorie. Die evangelische Kirche ist auch in der Praxis die einzige Institution, die heute über den Eisernen Vorhang hinweg für Gesamtdeutschland besteht. Noch nie seit 1945 war. wie Dibelius meint, die Bedrohung dieser Verbindung so akut wie jetzt.

Seit dem Sommer vorigen Jahres bekam der evangelische Bischof mehr und mehr zu spüren, daß Kirchenfeindlichkeit am Werke ist. Bis dahin hatte die evangelische Kirche der Sowjetzone, die etwa 90 v. H. der christlichen Bevölkerung zu ihren Mitgliedern zählt, ein gewisses, zuweilen sogar betontes Wohlwollen der Sowjetzonenbehörden erfahren. Es war noch die Zeit, da nach kommunistischer Konzeption die Kirche an möglicher Helfer für eine gesamtdeutsche Entwicklung in Frage kam Damals hat Moskaus "Tägliche Rundschau" den Bischof Dibelius um einen Aufsatz über "Die Kirche und die deutsche Einheit" gebeten und wenn Dibelius auch ganz in seiner, der kirchlich-diplomatischen Diktion seine Ausführungen formuliert hatte, so hatten die der Diplomatensprache der Kirchenführung unkundigen Sowjets seinerzeit offenbar geglaubt, ihn gelegentlich als kirchlichen Hilfsmann für ihre politische Sache einsetzen zu können. Selbst als der Bischof von Berlin-Brandenburg in den Kirchen von Leipzig und Magdeburg gegen die Lehren des Materialismus in den Ostschulen, gegen die Bedrängung der kirchlichen Arbeit, gegen die Einengung der religiösen Erziehung, gegen das Abschnüren der menschlichen Freiheit klar und unmißverständlich zu Felde gezogen war, blieben die Sowjets noch zurückhaltend. Sie nahmen sogar noch stillschweigend zur Kenntnis, daß Dibelius in einem Schreiben an Pieck die Wahlen zum sogenannten "Volkskongreß" als unvereinbar mit den demokratischen Grundsätzen bezeichnete. Ja, sie schwiegen auch, als Dibelius das fortwährende Verschwinden von Menschen, diese lautlose Methodik des Staatssicherheitsdienstes, als "Wiederkehr der Gestapo unseligen Andenkens" in einem Brief an die Geistlichen der Zone geißelte.

Der Bischof, der 1945 mit ausdrücklicher Billigung der sowjetischen Instanzen die verwaiste Generalsuperintendentur Instanzen mit dem Titel "Bischof für den Amtsbezirk Brandenburg und die Stadt Berlin" übernahm, galt den Russen als die Repräsentanz des Widerstandes gegen Hitler. In der Tat war Dibelius, der dreimal im Dritten Reich verhaftet wurde, wie nicht anders zu erwarten, ein überzeugter Gegner der Nazidoktrin. Er verband aber zeit seines Lebens die Unbedingtheit seiner kirchlichen Aufgabe mit einer sehr ausgeprägten Fähigkeit zur politischen Diplomatie. Sie bewahrte ihn vor dem Glanz und auch dem Martyrium eines bekennenden Eifers. Wie er am 21. März vor Hitler in der Potsdamer Garnisonkirche die Festpredigt mit dem Satze schloß: "Die Diktatur des totalen Staates ist unvereinbar mit dem Willen Gottes. Um des Evangeliums willen brauchen wir einen demokratischen Staat", so setzte er über die von ihm in den Hitlerjahren veröffentlichten Schriften "Christus und die Deutschen" das Wort Moeller van den Brucks: "Die Kraft der Deutschen, in Gegensätzen zu leben." Es scheint, daß dem Bischof Dibelius keine bessere Rolle zufallen konnte, als in diesen Jahren an der Spitze einer Kirche zu stehen, die wahrhaftig diese Kraft, "in Gegensätzen zu leben" aufbringen und täglich mehr bewähren muß.

Dibelius weiß selbst, daß im allgemeinen seine Stärke weniger die des mitreißenden Bekenners als die des Kirchenpolitikers ist. Jetzt aber, da die Attacken begonnen haben, gegen die "Junge Gemeinde", gegen Fakultäten und Pfarrer – jetzt entsagt der Diplomat jeglicher Diplomatie. Er sagt: "Wir suchen das Leid nicht. Aber wenn es über uns kommt, sollen und werden wir Herr über unsere Leiden sein."

Der Mann, der zwei Söhne im Kriege verlor, sitzt abends gern zwischen seinen Büchern und das sind nicht nur theologische Schriften. Er blättert in vielem, was den Zeitgenossen heute an neuer Literatur überfällt. Der mit aller Offenheit der Welt zugewandte Mann mit der hohen Stirn, dem sorgfältig gepflegten preußischen Admiralsbart, ist in diesen Jahren in alle Welt gefahren, um von den Schwierigkeiten der deutschen Kirche und ihrem politischen Hintergrund zu zeugen. Ja, er wäre im vorigen November auch gern nach Moskau zum Patriarchen Alexei gefahren. Als der jedoch die Einladung kurz vor dem Termin wieder rückgängig machte, empfand Dibelius wohl, daß diese Absage unter anderem seiner Londoner Rede und seiner heftigen Verurteilung des Stachanow-Systems in der Sowjetzone und in den Sowjetländern zuzuschreiben war. Doch der Vorsitzende des Rats der evangelischen Kirche wollte sich nicht das Recht auf Wahrheit durch den Verzicht auf die andere Wahrheit abkaufen lassen. An den Patriarchen, der ihn wieder ausgeladen hatte, schrieb Dibelius daher: "Ich bin gewiß, daß Ihre Heiligkeit Mittel und Wege finden werden, in aller Stille das Leid denen nahezubringen, in deren Macht es liegt, Abhilfe zu schaffen. Auch an Stalin selbst hat Dibelius geschrieben: wegen der Kriegsgefangenen und wegen der Zerstörung der Rechtsverhältnisse in der Sowjetzone. – Er ist ohne Antwort geblieben. Nun hat er, als die Welt von dem neuen Friedenswind aus Moskau zu sprechen begann, auch einen Brief an Malenkow gerichtet. General Tschuikow sagte zu, er wolle ihn weiterleiten. Das Thema-Die Bedrängung der Kirche in der Sowjetzone und du noch nicht zurückgekehrten Kriegsgefangenen.