Abschied vom großen Claquechef

Von Otto F. Beer

Wien, im Mai

In New York starb kürzlich ein Mann, der in den Glanzjahren der Wiener Staatsoper große Bedeutung hatte. Er machte schönes und schlechtes Wetter. Sein Name: Josef Schostal. Sein Beruf: Claquechef.

Man wird sagen, das sei kein Beruf und „Claque“ sei eine längst ausgestorbene Institution aus früheren Jahrhunderten, ähnlich der schwarzen Magie oder der Inquisition. Aber alte Bräuche haben ein längeres Leben als Laien glauben, und auch die Folter und die Zensur hat man ja nur pro forma abgeschafft. So ist auch heute noch die Claque überall dort lebendig, wo der Theaterbesuch eine wirkliche Leidenschaft ist. In Wien war dies der Fall, und viele Wiener gedenken gern der Zeiten, da sich noch die Gemüter der ganzen Stadt an einem Streit um einen Opernstar erhitzen konnten. Damals trat Josef Schostal auf den Plan.

Zum erstenmal schritt er ein, als der später so berühmt gewordene norwegische Tenor Aagard östvig in Wien gastierte und das verwöhnte Publikum sich zunächst noch reserviert verhielt. Da begann ein junger Mann auf der vierten Galerie plötzlich, wild zu applaudieren. Seine Begeisterung, die durchaus echt war, riß das ganze Haus mit, und der Abend endete mit einem Erfolg für östvig: er wurde bald darauf nach Wien engagiert. Der dankbare Tenor suchte herauszubekommen, wer jener Unbekannte war, dem er den Stimmungsumschwung zu verdanken hatte. Man forschte ihn aus: jenen gewissen Herrn Schostal, und der Herr Staatsopernsänger lud ihn zu einem Diner bei Sacher ein. Hier erzählte Schostal, er sei ehemaliger Reserveleutnant der k. u. k. Armee, Sohn eines mährischen Textilfabrikanten, habe sich aber seiner Leidenschaft für die Oper wegen mit seiner Familie überworfen und gehe lieber auf die vierte Galerie, statt ins väterliche Geschäft. Die beiden Herren sprachen an jenem Abend nicht von der Kunst allein, sondern auch von der berühmten Claque der Pariser Oper, auch davon, daß es dergleichen in Wien noch nicht gebe. So fand sich ein Beruf für den Opernenthusiasten.

Jetzt ein paar harte Schläge ...