Von P. Bourdin

General de Gaulle hat wieder einmal einen jener Rückzüge angetreten, an denen seine erstaunliche Laufbahn nun schon so reich ist. 1940 zog er sich aus seinem besiegten und besetzten Vaterland zurück und 1946 aus der von ihm selbst gebildeten ersten Regierung der IV. Republik. Und heute zieht er sich aus dem parlamentarischen Leben zurück, das er vergeblich zu reformieren versuchte. Aber so oft de Gaulle auch gescheitert ist, er ist immer wiedergekommen, und auch heute noch weigert er sich, den Glauben an seine Mission aufzugeben. Das Ende de Gaulles und des Gaullismus vorauszusagen, hieße die Zukunft Frankreichs prophezeien zu wollen. Freilich ist der General selbst sich darüber im klaren, daß er jetzt nur noch als Retter in höchster Not wiederkehren kann. Die Gelegenheit dazu, so sagt er in der Erklärung, mit der er sich aus der Tagespolitik zurückzieht, "droht sich leider Gottes in Gestalt einer schweren Erschütterung anzubieten, in der wieder einmal die Rettung des Vaterlandes und des Staates das oberste Gesetz wäre. Der Bankrott der Illusionen naht, es gilt, die Rettung vorzubereiten". Wer will voraussagen, daß Frankreich diese Erschütterung erspart bleibt?

Niemand kann sich der Kraft der Vision entziehen, die de Gaulle in seiner Abschiedsbotschaft entwirft. Niemand außer den Franzosen. So ist es de Gaulle immer gegangen. Als erster hat er die Vision des modernen Panzerkrieges 1934 in seinem Buch "Vers Parmée de métier" entwickelt. Als erster hat er am 18. Juni 1940 im Londoner Rundfunk verkündet: "Frankreich hat eine Schlacht verloren, der Krieg geht weiter." Als erster hat er am 14. April 1947 bei der Gründung der "Sammlung des französischen Volkes" in Straßburg die Notwendigkeit der Erneuerung des Staates proklamiert, die seitdem ein Bestandteil jeder Regierungserklärung geworden ist, mit der ein neuer Ministerpräsident vor das Parlament tritt. Aber Frankreich hat nie die Kraft gehabt, diesen Visionen zu folgen und sie zu verwirklichen. Zwischen den Vorstellungen von nationaler Größe, die de Gaulle unablässig seinem Volke vor Augen zu führen versucht hat, und den wirklichen Kräften Frankreichs, klafft seit je ein tiefer Abgrund, der de Gaulle zu immer neuen Rückzügen gezwungen hat. Jedes Scheitern de Gaulles ist ein Scheitern Frankreichs gewesen.

Immer hat er die Franzosen überanstrengt, immer fühlten sie sich überfordert. Sie haben ihm 1934 Gamelin, 1940 Pétain und 1947 Queuille vorgezogen. Und heute ziehen sie ihm Pinay vor –, den Gerbereibesitzer dem "siegreichen" General. Denn wie de Gaulle der große Verlierer der Gemeindewahlen vom 26. April gewesen ist, so ist Pinay der große Sieger. Das könnte ein Gesundungsprozeß sein, wenn der von de Gaulle angekündigte Bankrott der Illusionen eingetreten wäre, wenn Frankreich die Grenzen seiner Kraft erkannt hätte und sich im Rahmen seiner Möglichkeiten in Europa einordnen würde. Aber wenn de Gaulle als Politiker auch gescheitert ist, so hat er doch als Visionär eine nachhaltige Wirkung gehabt. Er ist es gewesen, der wiederum als erster die Illusion eines siegreichen Frankreich geschaffen hat, deren Bankrott er heute ankündigt. Er ist es gewesen, der auf die Fahnen der in Deutschland einmarschierenden französischen Armee die stolzen Worte schrieb: "Rhin et Danube", als habe Frankreich halb Europa erobert. Er ist es gewesen, der Frankreich eine Größe vorschlug, die weder seinen Verdiensten, noch seiner Kraft, noch seinem Willen entsprach.

Der General zieht sich aus der Tagespolitik zurück, in die er nie hätte hinabsteigen dürfen. Denn dadurch ist der Gaullismus, der als eine Bewegung des nationalen Mythus, der moralischen und geistigen Erneuerung nach der Niederlage von 1940 begann, zu einer Partei wie jede andere geworden. Im Kampf der Fraktionen hat er seinen ursprünglichen Sinn verloren, alle noch gesunden Kräfte des Volkes zu sammeln, um die "großen, einfachen Ziele, über die im Grunde alle Franzosen einig sind", zu verwirklichen. "Die Sammlung des französischen Volkes", so hieß es in der Gründungsproklamation, "hat zum Ziel, über all unsere Trennungen hinweg die Einheit unseres Volkes in der Arbeit und der Erneuerung des Staates zu fördern und zum Triumph zu führen." In der parlamentarischen Arena hat der Gaullismus seine Anziehungskraft eingebüßt. Statt andere Gruppen aufzusaugen, ist er mehr, und mehr von den alten Fraktionen angezogen worden. Während er auf den Zerfall der Parteien wartete, um die Macht ergreifen zu können, ist er selbst zerfallen. Zwischen der Rechten, die nach den Worten de Gaulles "noch nicht völlig die Traditionen vergessen hat, aber dem Volke nicht traut" und der Linken, die "noch Anwandlungen der Erneuerung verspürt, aber nur einen schwachen und haltlosen Staat zuläßt", ist der Gaullismus, der einen "gerechten und starken Staat" wollte, zerrieben worden.

Bevor diese Entwicklung ihr trauriges Ende gefunden hat, will der General den Gaullismus dorthin zurückführen, wo er begonnen hat, ihn wieder zu einer überparteilichen, außerparlamentarischen Sammlungsbewegung machen: "Es liegt mehr denn je im öffentlichen Interesse, daß die Sammlungsbewegung aus der Sackgasse des Wahlkampfes und des Parlamentarismus herausfindet, sich im Lande organisiert und ausdehnt, um seine Sendung zu erfüllen. Diese Sendung besteht darin, als Vorkämpfer der sozialen und nationalen Umgruppierung zu dienen, um das schlechte Regime zu ändern." Die Sammlungsbewegung soll zur letzten Zufluchtsstätte in höchster Not werden, wie es in der Niederlage des Gaullismus war. Der General hofft, daß ihm in der Stunde der Gefahr noch einmal die Rolle des Schiedsrichters zufallen wird, die zu spielen er schon zweimal Gelegenheit hatte. 1944 hat er sich in der ersten Regierung der IV. Republik auf die äußerste Linke eingelassen und dadurch die Versöhnung des freien mit dem besetzten Frankreich verhindert. Zwei Jahre später blieb ihm nichts anderes übrig, als sich aus der Regierung zurückzuziehen. Seit 1951 haben sich seine Abgeordneten im Parlament mehr und mehr mit der äußersten Rechten zusammengetan und die Verständigung mit der Linken versäumt. Zwei Jahre danach versucht de Gaulle wieder den Rückzug ins Land anzutreten, um sich dem Volke zwischen den sich verschärfenden Gegensätzen von Rechts und Links als Retter der Einheit Frankreichs anzubieten. Wird aber, nachdem er zweimal gescheitert ist und er sich hoffnungslos mit Rechts und Links verfeindet hat, noch jemand auf ihn hören? Oder wird er auch in der Stunde der Not ein einsamer Rufer in einer Wüste nationaler Zerrissenheit bleiben?