Unterhaltungsromane ohne höhere Ambitionen, aber auch ohne Kitsch und Sentimentalität sind selten. Doch vier deutsche Verlage stellen jetzt vier solcher erfreulichen Raritäten vor:

"Vor Rehen wird gewarnt", Roman von Vicki Baum (erschienen bei Kiepenheuer und Witsch).

Vicki Baum schildert zu Anfang des Buches den Mordversuch einer Stieftochter an ihrer Pflegemutter. Die alte Frau, Angelina Ambros, wird aus dem fahrenden Zuge gestoßen, bleibt jedoch fast unverletzt, und nun wartet der Leser brennend über die Lebensgeschichte des Opfers hinweg auf eine Gegenüberstellung mit der Täterin. Vicki Baum zeichnet als Hintergrund in feinem Kolorit ein Stück Geschichte; nämlich die Zeit des großen Erdbebens von San Franzisko. Sie läßt dabei keinen oberflächlichen Lebensfilm ablaufen, sondern fügt Bruchstück um Bruchstück zum Charakter ihrer Hauptfigur, bis individualisiert ein Typ jener nie aussterbenden Gattung erscheint, dessen selbstsüchtige Liebe auf die Umwelt zerstörend wirkt. Angelina Ambros, zart Wie ein Reh, gehört einer hassenswerten Sorte Liebenswürdiger an: sie gehört zu jenen, die sich nie im Unrecht fühlen. Selbst ihre Fürsorge und Hingabe sind noch Egoismus. Als sie durch mütterlichen Charme und gespiegelte Hilflosigkeit auch noch die Ehe ihres Sohnes spalten will, entschließt sich ihre Stieftochter Joy verzweifelt zum letzten: zum Mord. Der Roman ist salopp erzählt, unter wohltuendem Verzicht auf dichterische Ambitionen, und findet im Bücherbord zwischen Bristow und Knittel einen gebührenden Platz.

"Ti-Coyo", Roman von Clement Richer (im Holle-Verlag, Darmstadt und Genf).

Dieser französische Autor schreibt schwerelos und ohne Koketterie: Ti-Coyo, ein kleiner Mischling in Saint-Pierre auf der Insel Martinique grübelt darüber nach, wie er ein Monopol auf das Schautauchen nach Geld erobern kann. Zu diesem Zweck zieht er ein Hai-Baby groß, gewöhnt das Raubtier an sich, und schon wagt niemand mehr, ihm das Feld streitig zu machen. Einige waghalsige Konkurrenten tauchen dennoch und werden kurzerhand gefressen. Ti-Coyo und der Hai, diese merkwürdigste aller Freundschaften, hingesponnen ohne Rücksicht auf Verluste, ist eine prächtige Phantasie-Gaukelei mit der echten Lust am Erdichten. Man muß an den Ausspruch jenes französischen Kritikers denken, der zu einem Schriftsteller sagte: "Gott sei Dank! Ich fürchtete schon, Sie hätten das selbst erlebt, was Sie da beschrieben haben ..."

Auch im nächsten Roman spielt das Meer eine Rolle – allerdings ist es hier ein halbes, nordisches Meer:

"Thirza – Wächter der See", Roman von Neil Paterson (Rowohlt Verlag, Hamburg).