Wir sahen:

Will das deutsche Publikum eigentlich fernsehen? Die amtlichen Zahlen scheinen dagegen zu sprechen: In England gab es am 1. Januar dieses Jahres 1,89 Millionen Teilnehmer (700 000 mehr als am 1. 1. 1952), und am 1. Februar waren es 1,97 Millionen geworden, also weitere 80 000 mehr. Im Bundesgebiet (ohne Berlin) waren es am 1. März 1117, am 1. April 1524, was eine monatliche Zunahme von 407 bedeutet. In den Haushaltsplan des NWDR sind für 1953/54 12,5 Millionen DM für das Fernsehen eingesetzt worden. 12,5 Millionen DM für 1500 Empfänger! Die Anzahl der am deutschen Fernsehfunk als feste oder freie Mitarbeiter Beschäftigten ist einstweilen höher als die Anzahl der Apparate, auf denen das Programm erscheint. Das Mißverhältnis ist grotesk. Ein Bundesgesetz wird entworfen und diskutiert, die Rundfunkanstalten gründen eine Fernsehunion, viele Fernsehtürme werden errichtet, Studios gebaut, Fernsehspiele in Auftrag gegeben – und alles das, damit vielleicht in einem Jahr statt 150Q Deutsche 2000 an einem eigenen Gerät sitzen! Kommt diese Unlust von der unzureichenden Qualität des Programms oder sind die meisten Programme noch so unzureichend, weil die Zahl der verkauften Geräte so gering ist? Wir sahen (am 8. Mai) ein Programm, das zu den geglückteren gehört, weil es ein hübsches Fernsehspiel von einem Prozeß wegen einer gestohlenen Melodie enthielt. (Recht amüsant darin das Auftreten des bekannten Funkregisseurs Fritz Schröder-Jahn als Charakterkomiker und parodistischer Klavierspieler). Auch ein Fernseh-Feature zum 30. Todestag Paul Gauguins war nicht ohne Anmut und Anschaulichkeit. Aber der Rest der zwei Stunden wurde mehr oder weniger mühselig "gefüllt". Und gerade das "Füllen", das beim Hörfunk an so vielen Stunden des Tages geradezu verlangt wird, lähmt beim Fernsehen jede Lust. Denn, wer vor dem Fernsehschirm sitzt, kannnicht nebenbei etwas anderes tun, ihm bleibt nur die Wahl, entweder zuzusehen oder abzuschalten.

Wir hörten:

Mit vorbeizischenden Düsenjägern fing es an. Dann folgten tickende Uhren, eine schnaufende Lokomotive, ratternde Räder, der Papagei Nanette, der "Fahrkarten bitte" schnarrt – lauter Geräusche, die anzeigen, daß wir uns "In rasender Fahrt" befinden. So nämlich wurde das vom Süddeutschen Rundfunk und dem NWDR Hamburg gesendete Hörspiel Walter Oberers genannt. Wir alle sind in rasender Fahrt, unsere ganze Zeit. Die Düsenjäger mit Überschallgeschwindigkeit sind nur ein Symptom dafür, daß unsere Zivilisation versucht, "die Zeit zum Einsturz zu bringen". Aber die Zeit läßt sich nicht narren. Sie verfolgt den Menschen und macht ihn ruhelos. Das erfährt der Held und Erzähler in Oberers Hörspiel, der die geliebte Frau verläßt, um in der rasenden Fahrt eines Zuges, den er beim Bremserhäuschen besteigt, das Rätsel des Lebens zu ergründen. Er wandert, während die Räder sich immer schneller drehen, vom letzten Wagen bis zur Lokomotive. In jedem Wagen hat er eine Begegnung, aus der er zwar nichts über das Ziel der Fahrt erfährt, wohl aber mehr über sich selbst, als er bisher wußte. Da ist das "Mädchen, das Daphne heißen könnte" und das ihm zeigt, "daß keine Liebe des Mannes die Zärtlichkeit einer Frau aufwiegt". Da ist der Zensurbeamte im Postwagen, der sich schon auf den nächsten Krieg einübt und alle Briefe liest, um allwissend zu sein. Da ist der Stahlmagnat, der 800 000 Tonnen Stahl zuviel produziert hat und sie nur absetzen kann, wenn eine Kriegsgefahr heraufbeschworen wird. Da ist aber auch der Clown César im Packwagen mit,seinen Fahrrädern, deren Sprache er versteht, und die Papierrosen in den Speichen haben. Und da ist endlich der Lokomotivführer, der auch nicht weiß, wohin die rasende Fahrt geht, aber den blinden Passagier mit Gewalt zum Verlassen des Zuges zwingt. Nun erst fällt dem Gejagten der Bibelspruch ein, den er bei seinem Aufbruch vergessen hatte: "Und Gott strafte die Verlorenen nicht, die in der Wüste nach ihm riefen, und sie fanden wieder das Feuer ihres Herdes, das sie verlassen." Der Hörer dieses ungewöhnlichen Spiels folgt nicht einer Fabel, sondern einer poetischen Szenenfolge, deren Gleichnisbedeutung ihm im einzelnen gar nicht eindeutig klar zu sein braucht, weil die Bildkraft von Oberers Sprache zugleich vielsinnig und sinnfällig ist. Nur kommt alles darauf an, daß der für den Funkregisseur so dankbaren Geräuschsymbolik der Stimmton der Sprecher die Waage hält, denn in den Worten, die gesprochen werden, liegt das Gegengewicht zu dem Lärm der "Rasenden Fahrt". Gert Westphal, der die Hamburger Aufführung leitete, arbeitete diese Balance mit großer Meisterschaft heraus, und ließ das mutige Experiment gelingen.

Wir werden sehen:

Mittwoch, 20. Mai, 20.20 im NWDR:

Der Braintrust in der Hamburger "Brücke", der jeden Mittwoch tagt, hat sich eine Stellung im geistigen Leben der Hansestadt verschafft. Die Fernsehkamera wohnt einer Sitzung bei, an der unter anderen Ernst Rowohlt, Ida Ehre und Walther von Holländer teilnehmen. Als Leiter fungiert Dr. Günther Sawatzki. – Anschließend ist Elsie Attenhofer, ebenfalls in der "Brücke", mit neuen Chansons zu erleben.