Vor fünfzig Jahren starb einer der berühmtesten französischen Maler an der Schwelle des zwanzigsten Jahrhunderts – Paul Gauguin. In der weltfernen Verlorenheit einer Marshall-Insel hauchte er sein Leben aus, arm und verlassen. Die Erinnerung an ihn in breiteren Publikumsschichten zu beleben, soll ein Film dienen, der die Stationen seines unruhigen Künstlerdaseins aufzeichnet und der zum Teil auf Tahiti gedreht wird, wo Gauguin bekanntlich eine Reihe von Jahren in voller Abgeschiedenheit verbrachte. Zusammen mit den Filmherstellern und dem Schauspieler Jean Gabin als Darsteller Gauguins sowie der Schauspielerin Micheline Presle, die die Rolle der dänischgebürtigen Frau des Malers, Mette Gad, spielt, haben sich auf Tahiti eine Anzahl Künstler und Schriftsteller eingefunden, darunter der Kunsthistoriker Wilmon Menard. Dieser machte während seines Besuches eine interessante Entdeckung, deren Abenteuerlichkeit für die Filmleute Anlaß genug war, den Handlungsablauf des Films zu verändern und ein Stück unbezweifelbarer Echtheit einfließen zu lassen.

Wilmon Menard fand durch puren Zufall einen interessanten Mann: den Fischer Emile aus Tai, ein polynesisches Halbblut, der niemand anders war als der illegitime Sohn des genialen Malers. Von seiner Existenz hatten auch die besten Biographen Gauguins bislang keine Ahnung. Zugleich bekam Menard das berühmte Modell zu Gesicht, jene Polynesierin Tahura, deren damals dreizehnjährige naturhafte Schönheit in dem unvergessenen Bild "Noa Noa" für immer festgehalten wurde.

Als der aller Zivilisation überdrüssige Gauguin zum erstenmal im Hafen Papeete auf Tahiti landete, schrieb man den 8. Juni 1890. Seine Reise war völlig überstürzt unternommen und niemand von seinen Freunden darüber unterrichtet. Vorher hatte Gauguin den größten Teil seiner wertvollen Bilder auf einer Auktion verkauft. Einige Jahre später kehrte er nach Paris zurück, mit einigen in der Einsamkeit entstandenen Werken; aber er fand keinen Kontakt mehr zu der Welt, deren Sohn er war, und kehrte Seinem Vaterland für immer den Rücken. Gauguin fühlte sich eins mit seinen Eingeborenen und wurde durch den Zauber der Südsee wie verwandelt. Nicht zuletzt wurde diese Sinnesänderung durch die blutjunge Naturschönheit Tahura bewirkt, das Modell zu einer Reihe berühmter Bilder. Gauguin machte sie zu seiner Geliebten, und in seiner Selbstbiographie kann man nachlesen, wie sich das unverbildete Wesen von den Leidenschaftsausbrüchen des Malers abgestoßen fühlte, der eine Gewohnheit aus der Zivilisation nicht abzulegen vermochte – das Trinken. Tahura war mehr als einmal Gauguin davongelaufen, aber immer wieder holte er sie aus der einsamen Hütte ihrer Eltern hervor. Im Jahre 1901 hatte sein Aufenthalt auf Tahiti sein Ende gefunden, da er sich mit den französischen Kolonialbehörden überworfen hatte.

Die schöne Tahura sah sich für immer verlassen und gebar einen Sohn, eben jenen heutigen Fischer Emile, der, wie Menard berichtet, auch nicht eine Spur der großen Begabung seines Erzeugers besitzt. Aber seine Gesichtszüge mit der weitvorspringenden markanten Nase machen die Blutsverwandtschaft mit Gauguin unbezweifelbar. Tahura selbst ist eine zahnlose Greisin geworden. Auch die größte Phantasie würde in der apathischen alten Frau keinen Abglanz ehemaliger Schönheit entdecken können.

Noch eine Entdeckung unerfreulicher Art machte Menard: Nicht weniger als zwanzig Bilder aus der letzten Schaffensperiode Gauguins sind auf Tahiti verbrannt worden. Diese Bilder waren ein Geschenk an seinen eingeborenen Freund Fortune Demoni kurz vor Gauguins Abreise nach den Marshall-Inseln. Demoni war der Zechgenosse während zahlloser Nächte gewesen. Der Schmerz über den Verlust des großen Freundes brachte ihn an den Rand der Verzweiflung. Ein halbes Jahr nach dem Fortgang ging Demoni in seine Hütte, trug im Alkoholrausch alle Bilder zusammen, übergoß sie mit Petroleum und schaute mit irren Blicken in die Flammen. Vielleicht handelte er im Geiste des Genies Gauguin, dessen Leben am Ende die dämonischen Züge der Selbstzerstörung trug.

Engdahl-Thygesen