Von Walter Fredericia

Berühmt geworden ist James Burnham durch sein Buch "Die Revolution der Manager". Darin vertritt er die These, daß die Gesellschaft in einer Wandlung begriffen ist, als deren Ergebnis die Manager, also die leitenden und koordinierenden Männer des Produktionsprozesses, zur herrschenden Klasse werden. Die Unabwendbarkeit der Herrschaft des Managers begründet er zum Beispiel damit/daß zwar der Staat, besonders der totalitäre Staat, jeden Manager absetzen, ins Gefängnis stecken oder umbringen, daß er ihn aber doch nur wieder durch einen Manager ersetzen kann. Schon diese Formulierung zeigt eine gewisse Schwäche der Theorie. Denn eine herrschende Elite – und Burnham spricht sehr viel von den Eliten – zeichnet sich/nicht nur dadurch aus, daß sie bestimmte Funktionen ausübt, sondern auch dadurch, daß ein außerhalb der Funktion liegender Zusammenhalt in ihr besteht. Die Auswahl der Manager, wenn auch nicht der fähigen Manager, ist unbegrenzt, und infolgedessen findet die Elitenbildung nicht genau nach dem Gesetz statt, das Burnham angibt. Dieser amerikanische Autor ist aber aus einem anderen Grunde interessant, sehr viel interessanter denn nur als Verfasser der Managerial Revolution. Burnham gehört nämlich zu den wenigen Leuten, die sich offen als Machiavellisten bekennen. Das ist eine Leistung, denn der Machiavellismus gilt als eine anrüchige Sache, seit mancher Diktator den Machiavelli ständig in der Tasche bei sich trug. Burnham aber sagt, daß der Machiavellismus die politische Wissenschaft an sich sei. Der Machiavellist betrachte die Geschichte – und die Politik – wie sie ist, und nicht, wie sie sein sollte.

Akzeptiert man die Burnhamsche Definition, so ergibt sich gleich, was gemeint ist: eine wertfreie Betrachtung von Geschichte und Politik, die nur am Zweck und an der Zweckmäßigkeit der Mittel orientiert ist, dagegen das, was man gemeinhin Moral nennt, als unwirklich, vielleicht als einen Traum, aber jedenfalls als unerheblich ansieht. Hier wird verständlich, daß der Machiavellismus als ein Werk oder zum mindesten als ein Instrument des Bösen betrachtet wird.

Diese Kritik sei verfehlt, sagt Burnham. Denn eine wertfreie Betrachtung und das darausfolgende Handeln könne ebenso zum Bösen wie zum Guten führen, zur Unterdrückung wie zur Freiheit, ja Burnham nennt die Machiavellisten, zu denen er sich sehr deutlich selber zählt, geradezu die "Verteidiger der Freiheit". Wenn man zum Beispiel begriffen hat, daß 1. in jeder Art von Regime eine Minderheit, eine Elite herrscht, und daß 2. der in der Demokratie verwirklichte Tatbestand der Spaltung dieser Elite in zwei (oder mehr) Gruppen die Freiheit garantiert, dann braucht man sich ja nur an dieses Schema zu halten, um die Freiheit zu verteidigen, meint er.

Um seine Theorie zu stützen, hat Burnham ein Buch veröffentlicht, das"Die Machiavellisten" (Pan-Verlag, Zürich) heißt. Das Buch besteht aus der Darstellung der Gedanken, die die hervorragendsten Machiavellisten niedergelegt haben. Nach Burnhams Meinung sind das Machiavelli, der Franzose Sorel, die Italiener Mosca und Pareto, der Deutsche Michels und er, Burnham, selbst. Schon die Zitate, die Burnham gibt, zeigen den Glanz dieser Art von Denkern, und es kann nicht ausbleiben, daß, wer sich für Soziologie, Staatsphilosophie oder auch Staatsrecht wirklich interessiert, bei manchem Satz in Begeisterung verfällt. Das gilt insbesondere auch von Burnhams Formulierungen selbst. Er stellt 13 machiavellistische Prinzipien auf (stets mit der dazugehörigen nichtmachiavellistischen Antithese), etwa vom folgenden Kaliber:

"Das Grundthema der politischen Wissenschaft ist der Kampf um die soziale Macht in seinen offenen und verborgenen Formen. (Gegenteilige Anrichten behaupten, der politische Gedanke befasse sich mit allgemeiner Wohlfahrt, mit dem gemeinschaftlichen Guten oder ähnlichen Begriffen, die die Theoretiker von Zeit zu Zeit erfinden.)"

Oder: "Um den sozialen Prozeß verstehen zu sonnen, muß die allerwichtigste soziale Trennung geachtet werden, diejenige zwischen Herrschern und Beherrschten, zwischen Elite und Nicht-Elite. (Die gegenteilige Ansicht verneint die Existenz einer solchen Trennung, betrachtet sie zum mindesten als unwichtig oder glaubt, sie verschwände mit der Zeit.)"