Von Martin Rabe

In Hamburg wurde die diesjährige Ausstellung des Deutschen Künstlerbundes eröffnet – die dritte seit seiner Neugründung im Jahre 1950. Gleichzeitig findet in Hannover die 115. Frühjahrsausstellung des Künstlervereins statt. Und schon sind Bilder und Plastiken unterwegs für die Große Kunstausstellung, München, die von der "gruppe", der Münchener Sezession und der Münchener Künstlergenossenschaft veranstaltet wird. Dies alles wäre recht und gut, wenn sich diese Ausstellungen durch lokale Bindungen stark voneinander unterschieden, wenn man also hoffen könnte, bei ihnen Entdeckungen, womöglich gar junger Künstler zu machen. Dies aber ist nicht der Fall. Der örtliche Einfluß ist nur gering. Im ganzen findet man die gleichen Namen auf allen Ausstellungen wieder. Nur ist da ein gewisses Rangverhältnis. Die neuesten und auch die entschiedensten unter den Werken jener, die bereits Namen und Ruf haben, gehen zum Künstlerbund. Ältere, zum Teil auch kompromißbereitere Werke zu den anderen Veranstaltungen.

Das zeigt einen schweren Mißstand auf. Hier wird offenbar, daß unsere Künstler in einer Art von luftleerem Raum arbeiten. Statt Aufträge auszuführen, statt in einer echten Konkurrenz für einen bestimmten Zweck miteinander zu wetteifern, malen sie Bilder, die einer Jury, deren Zusammensetzung sie von vornherein kennen, gefallen sollen. Der Besucher mag sehen, wo er dabei bleibt, und die Möglichkeit, daß es einen Käufer geben könnte, wird kaum noch einkalkuliert. Daß dieser Zustand nicht gesund ist, wird niemand leugnen wollen. Aber hier Heilung zu finden, ist, so scheint es, völlig unmöglich. Die Künstler lassen sich von der Tradition, daß seit hundert Jahren die Käufer weit hinter der Entwicklung hergelaufen sind, nicht abbringen. So wird in jedem Betrachter zunächst ein Feind gesehen. Daß bei dieser Einstellung ursprünglich die Boheme mit Barett und Samtjacke Pate gestanden hat, ist längst vergessen. Was früher eine mitunter leichtfertige Opposition war, wird heute als Schicksal empfunden. Der Betrachter, der Kunstfreund, der Käufer wiederum fühlt sich dem Kunstwerk gegenüber in ähnlicher Weise isoliert. Er muß das entgegennehmen, was ihm vorgesetzt wird, es ist die Atmosphäre des "friß Vogel oder stirb", die ihn mit dem Künstler verbindet.

Auf diese Weise wird von beiden Seiten, vom Künstler wie vom Betrachter, die bildende Kunst in eine schiefe Lage gebracht. So ist es unausbleiblich, daß alles, was einmalig ist, das Persönliche also, mehr und mehr entschwindet. Es besteht eine Neigung dazu, Begriffe darzustellen, man nennt sie, ohne zu wissen, wovon man eigentlich spricht, Symbole. Man glaubt, man müsse von einer Realität, die nur Schein ist, abstrahieren, und auf diese Weise das Wesen aller Dinge darstellen. So verliert man sich ins Allgemeine und vergißt, daß das Allgemeine immer das Fläche ist und in ihm die Tiefe, die man sucht, nicht angetroffen wird.

In Hannover hat die Ausstellungsleitung einen vorzüglichen, wenn auch selbstmörderischen Einfall gehabt. Sie hat mitten zwischen die eingeschickten Bilder ein spätes Selbstporträt von Beckmann gehängt. Daneben sind nun die anderen Werke, die großenteils sehr kultiviert in der Farbe sind – die "peinture" ist heute in Deutschland ganz allgemein auf einem höheren Niveau, als wir es früher gewohnt waren – plötzlich nicht mehr vorhanden. Da ist ein Maßstab gesetzt worden. Und Beckmann ist nicht etwa veraltet. Er gehört durchaus in unsere Zeit. Keine auch noch so radikale und jedem Kompromiß abgeneigte Jury würde es wagen, Bilder von Beckmann, wenn sie heute eingeschickt würden, abzulehnen, weil sie etwa den modernen Bestrebungen nicht entsprächen. Und so zeigt sich denn, daß die Flucht ins Allgemeine, die Blässe des Gedankens nicht notwendig als ein unentrinnbarer Zwang unserer heutigen Anschauung angesehen werden muß.

Da gibt es zur Zeit in der Kestner-Gesellschaft in Hannover eine Ausstellung "Acht italienische Meister Diese Maler haben sich zusammengetan und eine Gruppe gebildet, die gemeinsam ausstellt. Sie gehören, so wird es dem flüchtigen Betrachter zunächst scheinen, auch zu jenen, die ihre Werke heute als gegenstandsfremd oder gegenstandsfeindlich bezeichnen. Aber welch ein Unterschied besteht zwischen ihnen und ihren deutschen Kollegen. Da ist einer – Corpora –, der hat ein Bild gemalt "Die Kalfaterer". Da sind, aufgelöst und nur noch eben erkennbar, zwei Figuren und innerhalb ihrer Umrisse und daneben ist die ganze Hafenatmosphäre, Licht, Häuser, Lärm, Verkehr, Geruch von Fisch und Wasser. Da ist ein anderer – Birolli –, der hat in den Steinbrüchen von Carrara gemalt. Der simple Vorgang des Steinbrechens ist in seinen gegenstandsfernen Bildern vorzüglich dargestellt. Und alle diese Maler – bis auf einen – malen mit einem erstaunlichen Temperament und einer Kraft und Schönheit der Farbe, wie sie die italienische Kunst seit 150 Jahren nicht mehr aufgewiesen hat. Diese Ausstellung sollte durch Deutschland reisen. Sie könnte manchen ermuntern, über eine formale oder farbige Geschmäcklerei und über die Großartigkeit leerer Begriffe hinaus. nach einer persönlichen künstlerischen Aussage zu suchen.

Wir sagten es schon, daß das rein malerische Niveau, das Handwerk also, in beiden deutschen Ausstellungen, vor allem aber in der Hamburger, besonders hoch ist. Schon deshalb sollten sie viele Besucher finden. Denn farbig schöne Dinge zu sehen, ist immer eine Freude. Und noch etwas ist bemerkenswert. Die Plastik ist sowohl in Hannover wie auch in Hamburg ganz vorzüglich vertreten, ja, was die künstlerische Leistung angeht, so scheint sie der Malerei überlegen. Man könnte vielleicht sagen, daß dies zu erwarten war. Die Bildhauer sind ja gezwungen, sich in der Form wie im Inhalt mit der Realität auseinanderzusetzen. Wenn sie es versuchen wollten, leeren Begriffen plastische Form zu verleihen, würden sie leicht selber das Gefühl bekommen, daß sie scheitern müssen,