Es ist eine Tragik der medizinischen Wissenschaft, daß sie mit ihrer Therapie immer einige Schritte hinter den neuauftretenden Krankheiten zurückbleiben muß. Eine neue Krankheit will immer erst "durchgeklärt" werden, ehe man zu einer gültigen Therapie kommt. Auch dann aber ist die Therapie niemals statisch, sondern – entsprechend der menschlichen Natur – immer sich vortastend und dynamisch. Doch gibt es Augenblicke in der Geschichte einer Krankheit, in denen der Arzt die bis dahin gewonnenen Erfahrungen zusammenfaßt und sich über Erfolge und Mißerfolge Rechenschaft gibt. In der nun vorliegenden Monographie von Kurt Gauger: Die Dystrophie als psychosomatisches Krankheitsbild (Verlag Urban und Schwarzenberg, München/Berlin) legt der Autor die Ergebnisse seiner "mehrjährigen ärztlichen Beschäftigung" mit dem Thema "Heimkehrerdystrophie" vor. Das ist aber ein Thema, das nicht nur den Arzt angeht.

Der Name "Dystrophie" als Bezeichnung für ein Krankheitsbild bei erwachsenen Menschen wurde erst nach dem zweiten Weltkrieg herausgearbeitet. Es blieb der Zeit der totalen Kriegführung vorbehalten, diese Krankheit zu schaffen. Nichts ist einfacher, als Menschen der "Dystrophie" auszuliefern: man läßt sie hungern (nicht verhungern), gibt ihnen zu wenig und zu minderwertiges zu essen. Dieser ständige Hunger, die Angst vor dem Entzug des letzten Stückchen Brotes, ist das Entscheidende. Alles andere regelt sich dann von selbst. Tausende von Menschen werden sterben. Lungenentzündungen, Herzschwäche oder andere Krankheiten machen ihrem Leben scheinbar ein Ende; in Wirklichkeit sterben sie am Hunger; denn ohne ihn hätten sie die "interkurrente" Krankheit überstanden.

Die Überlebenden aber werden dystrophisch: körperlich, seelisch und geistig gebrochen, auf Jahre hinaus gezeichnet. Sie werden zu willenlosen Werkzeugen in der Hand jener Macht, deren Gefangene sie werden. Hier spürt man etwas von der hohen Aktualität, die dem Problem der Kriegsgefangenendystrophie anhaftet. Hier wird sichtbar, daß bereits in den Kriegsgefangenenlagern von 1944 bis 1949 eine neue, sehr wirksame Waffe ausprobiert wurde: die Dystrophiesierung von Millionen von Menschen.

Der erste und bisher einzige Kämpfer gegen dieses neue Mittel, Kriege zu führen, ist der Arzt. Freilich ist auch er machtlos gegen die befohlene Mangelernährung. Aber er kann das Krankheitsbild, das durch diese Mißernährung entsteht, günstig beeinflussen und die Krankheit selbst verkürzen. Er kann dem Menschen, der das Unglück hatte, dieser artifiziellen – weil der Natur des Menschen aufgezwungenen – Krankheit anheimzufallen, helfen, wieder er selbst zu werden.

Eine Zeitlang allerdings kann ein dem Hunger unterworfener Organismus diese Mißernährung aus eigenen Reserven ausgleichen. Dann aber beginnt er seinen Kalorienverbrauch aus Organen und Organsystemen, Muskeln, Knochen, Herz und Hirn zu decken. Ein allgemeiner Abbau wichtigster Körpersubstanz beginnt. Extreme Abmagerung oder Wassersucht werden die äußeren Zeichen sein.

Es ist nun aber falsch, wenn die Mutter eines heimkehrenden Kriegsgefangenen ihren dystrophischen Sohn "gesund füttern" will. Das führt nur zu einem zwar äußerlich sichtbaren, gesundheitlich jedoch sehr fragwürdigen Erfolg. Der Sohn wird zwar dicker, aber nicht kräftiger. Er mag nicht arbeiten, kann sich nicht konzentrieren, bekommt keinen Kontakt zu anderen Menschen, ja, er entgleitet selbst der Mutter vollkommen. Er ist nicht mehr der fleißige, sie verwöhnende und umsorgende Junge von früher. Er führt ein eigenbrötlerisches Leben, ist leicht reizbar und neigt zu unverständlichen Handlungen. Was ist hier geschehen? Die Mutter ist ratlos. Sie kann ihren heimgekehrten Sohn trotz besten Wollens nicht mehr verstehen. So gehen Familien im Streit auseinander, Ehen werden geschieden. Unglück und Not treten bald an die Stelle der ersten Wiedersehensfreude.

Denn den Angehörigen – und oft auch den Gefangenen selbst – fehlt die Einsicht, daß ihr Heimkehrer überhaupt noch krank ist. Sie halten ihn nur für schwach. Hier nun beginnt die Arbeit, von der im vorliegenden Buch berichtet wird. Denn neben dem rein körperlichen Verfall, der Involution von Hormondrüsen und dem Abbau der Gehirnsubstanz erfolgt in der Gefangenschaft "quantitativ und qualitativ eine Einengung der Triebhaftigkeit körperlich ebenso wie psychisch". Dort gibt es nur ein Ziel: am Leben bleiben. Diesem Ziel werden auch psychisch wertvolle Teilfunktionen geopfert. Eine andere Möglichkeit zu überleben, gibt es nicht. Daher ist der psychische Aspekt der Dystrophie von so eminent hoher Bedeutung für ihre Heilung. Es gilt, den in seiner ganzen Persönlichkeit erschütterten Heimkehrer körperlich wie seelisch zu behandeln. Oft dauert es Jahre, ehe der Mensch wieder völlig hergestellt ist.