/ Von Marion Gräfin Dönhoff

Am Südausgang der Stadt Tunis steht ein Wegweiser: Fort Lamy 4400 Kilometer. Ja, man vergißt oft, wie groß afrikanische Entfernungen sein können. Von Tunis nach Casablanca: eine Bahnfahrt von fast zwei Tagen und zwei Nächten! Und das war denn auch der Grund, warum ich mich entschloß, lieber das Flugzeug zu besteigen. Und wider Erwarten wurde es ein unvergeßlicher Flug.

Zunächst Medjez el Bab, die Ebene, in der im Frühjahr 1943 auf einem überschaubar kleinen Raum zwei Tage lang die entscheidende Panzerschlacht zwischen Deutschen, Amerikanern und Franzosen tobte – ein Raum, dessen Tiefe man in weniger als 30 Minuten mit dem Auto durchmessen könnte, und wo von beiden Seiten der Kämpfenden unter großen Verlusten, die ganze Rasanz der modernen Panzerwaffen eingesetzt und zur letzten Entfaltung gebracht wurde. Dann die tiefgrüne, fruchtbare Kornkammer von Tunis, Felder wie in Deutschland, mustergültige Höfe; schließlich kleine Küstenstädte, größere Häfen und danach grau- und dunkelgrüne Bergzüge. Man sah zuerst noch da und dort Ansiedlungen: graue Mauern, die einen winzig kleinen, offenen Hofraum umgrenzen; sie sahen aus wie Zellen, wie Capillaren. Endlich verschwanden auch sie, und über die tote Mondlandschaft senkt sich langsam die Nacht.

Lange Zeit zog das Flugzeug dahin über dunkles Land unter einem sternklaren Himmel. Und plötzlich wurde es licht am Horizont. Gelbe, blaue, rote Farben leuchteten uns entgegen: eine große-Stadt, von langen weißen Lichteralleen durchzogen, stieg eine Anhöhe empor bis an die verblassenden Sterne des Horizonts. Es war wie ein großes Fest aus Glanz und Freude nach diesem Verlorensein in der Finsternis. Die Landebahn schien wie eine prunkhafte Straße, gesäumt von geheimnisvollen, im Gras verborgenen Lichtschalen. Aber plötzlich war aller Glanz vorbei, als sei er nur eine nächtliche Fata Morgana gewesen. Die Tür öffnete sich, und man stand auf einem asphaltierten Platz, es roch nach Öl und Technik. Metallen schimmerten noch die großen, nebeneinander aufgereihten Vögel im Licht der Scheinwerfer. Die moderne Welt mit ihrer Geschäftigkeit hatte uns wieder in ihren Fängen, hier, auf dem Flugplatz von Casablanca.

Im Sonnenlicht des nächsten Tages zeigte sich, daß Casablanca – anstatt eine Märchenstadt – eine Großstadt ist mit Wolkenkratzern, Palmenalleen, einem riesigen Hafen, erfüllt mit der ganzen Hast und dem vergänglichen Reichtum aller Metropolen. Rings um die Stadt herrscht das unsagbare Elend, der bidonvilles. – Aus Blech (daher der Name bidonville), alten Brettern, Lappen und Stöcken sind dort armselige Quartiere errichtet – Hundehütten, in denen ein zerlumptes, rustikales Proletariat lebt. Magisch vom Glanz einer Stadt angezogen, die beim Beginn des ersten Weltkrieges vielleicht 30 000 Einwohner hatte und die heute 700 000 Menschen beherbergt, haben diese Unglücklichen ihre fernen Dörfer verlassen und sich hier dem Elend der Großstadt preisgegeben. Niemand weiß, wie viele es sind, vielleicht 100 000, vielleicht 50 000 Menschen. Gestern noch lebten sie in der Gemeinschaft ihrer Stämme wie zur Zeit Josephs und seiner Brüder, jetzt sind sie entwurzelt; und ausgeschlossen von dem Lichterglanz Casablancas.

Aufruhr in der Blechstadt

In den bidonvilles entstand im Dezember vorigen Jahres eines Nachts der Aufruhr (es war nach der Ermordung des Generalsekretärs der mohammedanischen Gewerkschaften in Tunis). Erst Hunderte, dann Tausende, rotteten sich zusammen, überfielen eine Polizeistation und drängten der Stadt zu. Viele Stunden wogte der Kampf, und viele Tote blieben zurück. Araber wurden von den Kugeln der Polizei getroffen, Europäer von der tobenden Masse buchstäblich in Stücke zerrissen und totgestampft, ehe es der Polizei gelang, Herr der Lage zu werden. Erst am zweiten Abend lag wieder Stille und Finsternis über den bidonvilles.