Im Berliner Schillertheater und im Züricher Schauspielhaus wurde gleichzeitig Max Frischs neue Komödie „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ uraufgeführt. – Die Berliner Aufführung litt unter der zu großen Bühne des Schiller-Theaters, auf der der Zauber eines Kammerspiels nicht recht. auf kommen wollte. Dazu kam, daß der Bochumer Gastregisseur Hans Schalla es nicht verstand, den Schauspielern Intimität in Geste und Sprache zu empfehlen. So gerieten die beiden Hauptdarsteller: Peter Mosbacher (Don Juan) und Edith Schneider (Miranda) ins Unschlüssige und Farblose.

Als Tirso de Molina 1630 seinen Don Juan – den Burlador de Sevilla – schrieb, ahnte er nicht, daß noch 320 Jahre später ein Bühnenautor denselben Stoff mit fast denselben Figuren neu dramatisieren würde – diesmal freilich in Form einer Komödie. Der spanische Dichter wußte nicht, daß innerhalb dieser Zeitspanne auch andere Schriftsteller den Stoff aufgreifen, der auch nicht sein eigener war, sondern den er italienischen Quellen entnommen hatte (weshalb denn auch sein Drama mit dem Schauplatz Neapel beginnt): – Molière Mozart, E. T. A. Hoffmann, Zorilla, Grabbe, Shaw

Daß die großen Tragödienstoffe der Griechen bis. heute vielfach verbindlich für den Dichter geblieben sind – daß auch der moderne Autor, hatte er zum Beispiel zum Problem der menschlichen Freiheit vor Gott und irdischer Obrigkeit etwas zu sagen, sich der Figur der Iphigaenie bediente, ist verständlich: so machtvoll war die Überlieferung des griechischen Geistes, so sehr einzige Quelle für das Erwachen eines abendländischen Lebensgefühls, daß die Verkleidung moderner Theaterfiguren in antike Gestalten gerade in den letzten Jahren fast zu weit ging: Anouilhs König Kreon zum Beispiel und auch seine Eurydike lösen nicht mehr das griechische Problem auf moderne Weise – sie sind vielmehr mit einem ganz anderen Problem beschwert, das mit dem alten nur äußere Ähnlichkeit hat.

Nur zwei Stoffe aber – oder besser: zwei Figuren, die nachweisbar nicht der Antike entstammen, genießen im Abendland noch heute poetische Verbindlichkeit: Faust und Don Juan – wenn man die Figur Christi als eine theologisch-göttliche und nicht dramatisch-menschliche ausnimmt. Was aber ist das Unsterbliche dieses Don Juan, von Tirso de Molina zum erstenmal den Volksquellen entrissen und der großen Welt vorgestellt? Schürzenjäger mit beinahe metaphysischem Format können doch individuell so verschieden sein wie die „Opfer“, die sie verführen; es entspringt doch aus dieser Leidenschaft nicht unbedingt ein Typus – so wie etwa das „faustische Streben“ eine bestimmte Gattung Mensch prägt.

Die Komödie des Schweizer Schriftstellers Max Frisch „Don Juan oder Die Liebe zur Geometrie“ scheint nur mit einem Schlage das Geheimnis dieser Verbindlichkeit zu lösen. In ihr tritt etwas Faszinierendes ein: Frischs Don Juan spricht fast wie der 300 Jahre ältere des Tirso de Molina (kein anderer Don Juan-Autor hat eine so ungewöhnliche Übereinstimmung in Gesinnung und Ausdrucksweise mit seinem ersten Vorbild erreicht); – und nun ist dieser fast gleiche Don Juan einmal Figur einer Tragödie – und einmal ganz legitime Hauptperson einer Komödie. Was hat sich hier geändert, wenn’s der Don Jüan selbst nicht ist?

Der Don Juan Tirso de Molinas ist in einer ritterlichen Welt zu Hause, in der Treue, Ehre und die Reinheit der Frauen unangetastete Kategorien sind – in der die Welt noch heil ist. In einer heilen Welt jedoch besteht das Tragische allzu leicht im Aufbegehren gegen das Heile – im Bösen schlechthin also. Der Dramatiker hat die Aufgabe, solche, gegen den Stachel der Ordnung lockende Mitmenschen als das hinzustellen, was sie sind: als Bösewichte. Don Juan ist ein solcher Bösewicht: nicht nur, daß er verführt, ehebricht, lügt und betrügt – auch der Lebensbezug, dem diese ruchlosen Taten entspringen, ist ganz und gar verderbt. Don Juan ist ein Freigeist, er lacht über die Ideale der Zeit: er ist kein christlicher Sünder, sondern ein heidnischer. In Furcht vor dem Jenseits sieht er nichts als Aberglauben: er verkehrt mit dem steinernen toten Don Gonzalo ohne Scheu und Angst. So bricht schließlich das Strafgericht über ihn hereingehen jener Don Gonzalo vollzieht es aus dem Jenseits durch das Berühren seiner steinernen Hand verbrennt Don Juan Und fährt – sichtbar für alle – in die Hölle. Die Welt ist den unpassenden Sünder los.

Fast genau so geht’s auch dem Don Juan Max Frischs. Der Schweizer Schriftsteller gibt als Ort seines Stückes „ein theatralisches Sevilla“, als Zeit „eine Zeit guter Kostüme“ an. Auch in diesem Stück macht sich Don Juan zunächst nicht durch seine schmählichen Taten, sondern durch seine Haltung einen unerfreulichen Namen bei den Mitbürgern. So äußert gleich zu Beginn der Komödie der spanische Komtur Don Gonzalo dem Vater Juans gegenüber beredt seinen Kummer über den Sohn: „Ich rief ihn (Juan) in mein Zelt. ‚Wozu‘, fragte ich unter vier Augen, ,führen wir diesen Kreuzzug? Warum hassen wir denn die Heiden?“ Tenorio: „Und was antwortete er?“ Don Gonzalo: „Er hasse die Heiden nicht... ich leugne nicht, Vater Tenorio, daß seine zersetzende Art mich oft ergrimmte.“ Don Juans Haltung ist „zersetzend“. Als ihm Don Gonzalo zur Strafe befiehlt, die Mauern der heidnischen Festung auszumessen, reitet er dazu nicht tollkühn im Angesicht des arabischen Feindes die Länge der Mauern ab – sondern berechnet sie vom grünen Tisch aus mit Hilfe arabischer Geometrie Bald danach beginnen die schon bekannten Abenteuer; Anna, Elvira, Viola – und wie sie alle heißen –, halten den armen Don Juan von der „männlichen Geometrie“ ab und machen ihn zu dem, den die Welt kennt...