J. B. Wien, im Mai

Vom 4. Mai an hat die österreichische Währung endlich einen einheitlichen Kurs. Der Dollar kostet als Devise 26 Schilling, die Deutsche Mark 6,19, und zwar für alle Transaktionen, während bisher im Außenhandel der Dollar nur mit 21,36, die DM mit 5,09 S bezahlt worden war. Die nebenher noch gebräuchlichen Ausnahmskurse bei Koppelungsgeschäften fallen weg.

Die Folgen sind klar: 1. Exportförderung durch die Abwertung und damit auch die Verlockung, im Inland höhere Preise zu fordern, weil sonst bei vielen Waren die Ausfuhr lohnender ist; 2. Importverteuerung, gemildert durch Preisrückgänge auf dem Weltmarkt. Die Wirtschafts- und Währungspolitik soll nun das Kunststück zuwege bringen, eine stärkere Erhöhung der Lebenshaltungskosten zu vermeiden, damit nicht Lohnforderungen eine neue Entwertungsspirale eröffnen. So werden vorerst Lebensmittel noch stärker subventioniert werden als bisher, und das Geld soll knappgehalten werden, damit die Wirtschaft die verschiedenen Verteuerungen – darunter auch die der importierten Steinkohle – in sich aufzunehmen gezwungen sei.

Hier soll nicht eine Entwicklung gedeutet werden, die von soviel psychologischen Momenten und marktpolitischen Unwägbärkeiten abhängt, daß man mit aller Klugheit zuerst einmal zusehen muß, was weiter wird. Hingegen soll auf die neuerlich aus dem Ausland gehörte Frage geantwortet werden, die wievielte Währungsreform dies nun eigentlich sei. Amtlich wird natürlich das Wort "Währungsreform" vermieden und die Abwertung als "administrative Nachholmaßnahme" bezeichnet, was sie in gewissem Sinne wohl tatsächlich ist. Wie war es nun wirklich die ganzen acht Jahre vorher, daß man erst jetzt den "Schlußstein der Stabilisierung" (wie es amtlich heißt) setzen kann? Der Nachkriegsschilling wurde im Dezember 1945 geboren. Der damaligen ersten Währungsreform (Umwandlung der RM) war 1947 eine zweite Abschöpfung gefolgt, und der Auslandskurs des Schillings war mit 10 Dollarcents stark überbewertet, die erste Nachkriegszeit unverändert gehalten, aber bald fiktiv geworden. Der Exporteur erhielt nämlich hohe Belassungsquoten zur eigenen Verwendung und machte sich über die Verkaufspreise der Gegenlieferung seine Kurse selbst für jedes Außenhandelsgeschäft. Dazu gab es Sonderkurse für ERP-Güter. Diese erhebliche Verwirrung wurde durch eine kleinere abgelöst, als mit dem 22. November 1949 drei Wechselkurse festgelegt wurden; ein Grundkurs von 14,40 S je $ für Lebensmittel und ähnlich wichtige Einfuhren, ein Mittelkurs von 21,36 S für den weniger lebensnotwendigen aber noch als wichtig angesehenen Import, und ein Prämienkurs von 26 S für Nonessentials; beim Export waren komplizierte Ablieferungsquoten zu unterschiedlichen Kursen vorgeschrieben, und die Rechnung konnte natürlich niemals aufgehen, denn das Leben richtet sich schließlich nicht nach Warenlisten. Am 6. Oktober 1950 hatte man dann den billigen Grundkurs aufgelassen und bis jetzt mit zwei Kursen operiert –, aber neben dieser Zweiheit noch Ausnahmen für Koppelungsgeschäfte zwischen weniger notwendigen Einführen und besonders förderungsbedürftigen Ausfuhren zugelassen.

Das Vielfaltsystem hat in keiner Etappe befriedigt. Der neue Einheitskurs entspricht ungefähr dem derzeit in Zürich für Schillingnoten am freien Markt bezahlten Kurs. Ob die immerhin dekretierte Notierung den Kaufkraftparitäten gerecht wird (oder sich die Preisrelationen darauf einspielen werden), muß allerdings abgewartet werden.