Man lebt noch ruhig in Südengland / Ein Reisebericht von Eka v. Merveldt

Ever let the fancy roam Pleasure never is at home.

Einige prominente Gäste aus fernen Ländern, die an der Krönung der Königin Elizabeth II. teilnehmen werden, sind schon in London eingetroffen, so der junge Kronprinz Akahito von Japan und der Stammesfürst Charles Gasyonga aus Uganda, während in die großen Zelte im Hyde-Park pakistanische Soldaten eingezogen sind. Das Coronation-Fieber ist beinahe auf seinem Höhepunkt, die Vorbereitungen sind fast beendet. Schon jetzt überreicht man den Besuchern beim Betreten der Insel eine noble, festlich rote Begrüßungskarte: Welcome to Britain in Coronation Year.

In London aber, jedenfalls im Westend, sieht man vor lauter Stahlgerüsten und Tribünen die Stadt nicht. Westminster Abbey ist zugebaut, und hinein darf man auch nicht mehr; die Sicht auf das Parlament ist versperrt, und weite Parkflächen, ganze Bäume sind von den Aufbauten zugedeckt. Auch erlauchte Besucher werden so, wenn sie auf die Tribünen steigen, in Wahrheit auf Bäumen sitzen, um die Königin zu sehen. In den größten Straßen: Piccadilly Street, Oxford- und Regent Street aber sind Barrikaden errichtet, als ob ein Feind vor der Stadt stünde: hölzerne Querwände mit kleinen Gattern, die als Wellenbrecher für die Menge dienen sollen, denn die Menschen könnten einander sonst zerquetschen.

Besucht man den Tower in diesen Tagen, so fällt auf, daß die Engländer einen neuen Anlaß des queuing, des Schlangestehens, gefunden haben, um ihre Disziplin zu üben, und sie haben auch schon viele Besucher dafür gewonnen: sie stehen von morgens bis abends Schlange, um den Kronschatz zu betrachten. Die edelsteinstrotzende St.-Edward-Staatskrone allerdings ist nicht mehr zu sehen, da sie für die Krönung der Königin aufgearbeitet wird. Schon grüßt das Bild der Königin von Hauswänden, aus Schaufenstern, von Keksdosen, Aschbechern und Seidentüchern. Unpassend ketzerische Gedanken jedoch erweckte ein Eisschrank im Schaufenster, der einen Purpurmantel trug, erweckte auch eine gekrönte Zuckerbäckerei oder jene Show in einer der Music Halls, in denen die kaum oder gar nicht bekleideten Damen, die hierzulande nur lebende Bilder stellen dürfen, in dramatischen Haltungen die Fahnen mit den Landesfarben präsentierten.

Für die Leute, denen es scheint, sie sähen vorlauter Gerüsten London nicht genug, auch für alle die, denen an den Krönungstagen die 20 bis 30 Pfund für einen gewöhnlichen Tribünenplatz oder gar die 100 bis 200 Pfund für einen guten Fensterplatz an den Straßen des Krönungszuges leid tun werden und die sich auch nicht entschließen können, schon nachts anzustehen, um sich auf dem Bürgersteig in den ersten Zuschauerreihen einen guten Platz zu sichern, hat die British Travel and Holidays Association umsichtig Reisen in die nähere und weitere Umgebung der britischen Hauptstadt vorbereitet.

Eine kleine deutsche Reisegesellschaft, die den neuen Stil des Reisens erproben wollte: zu fahren, statt an ein Ziel zu gelangen, wandte sich schon nach einem Tag von London ab und startete mit dem Omnibus von "Frames’ Tours" zu einer West-Süd-Tour.Auf dem Kontinent kannte niemand der Teilnehmer den ändern. Im Speisewagen von Harwich hatte man sich, in den rührend altmodischen, mit gestreiftem Kreton bespannten Drehsesselchen unwillkürlich eine artige Haltung annehmend, freundlich begrüßt. Nun war man eine Gemeinschaft und reiste in Gesellschaft.