Von den meisten Kunstsammlungen wird nicht mehr übrigbleiben als ein dicker Auktionskatalog" lautet der letzte Satz der Erinnerungen des großen Sammlers deutscher Plastik Hubert Wilm. Man muß selbst in der Welt der Sammler leben, um zu wissen, daß dieser Satz, so negativ er klingt, doch auch etwas sehr Positives in sich schließt. Denn im Hause der meisten Sammler stehen diese Auktionskataloge an einem bevorzugten Platz. Sie bilden die Ahnengalerie.

Hubert Wilm, der in diesen Tagen in München 65jährig an einem Gallenleiden gestorben ist (sein cholerisches Temperament ließ ihn leicht aufbrausen), hat sich sehr bewußt dieses Alibi eines Sammlerlebens geschaffen. Er machte im vorigen Jahr, als er den Entschluß faßte, sich von seiner Sammlung zu trennen, gegenüber dem Auktionshaus zur striktesten Bedingung, daß er den Katalog selbst verfassen dürfe und daß er reichlich mit Abbildungen ausgestattet würde. Als der Tag der Auktion kam, in den großen hellen Räumen am Neumarkt in Köln, und Joseph Hanstein, ein Mann von rheinischer Lebensart, den Zuschlaghammer in die Hand nahm, sah man den schon damals schwerkranken Mann mit hoch aufgeschlagenem Pelzmantel in der ersten Reihe sitzen. Die Preise, die für die kostbaren Plastiken erzielt wurden, bedeuteten für ihn eine Art Zeugnis in Ziffern, ja, es war eine freiwillige Gerichtssitzung über sein Lebenswerk.

Als das Hamburger Museum für eine ergreifende Kreuzigungsgruppe des Barock 17 000 Mark bot, – er hatte vor dreißig Jahren, als noch niemand die Schönheit dieser Kunst sah, keine 100 Mark dafür gezahlt – strahlte er. Nicht nur über den hohen Preis, sondern auch darüber, daß ein so bedeutendes Museum die Gruppe des Kaufes für würdig erachtete. Wennerfür das Augsburger Madönnchen auch nicht ganz soviel bekam, wie er sich vorgestellt hatte, so waren die 28 000 Mark doch ein Mehrfaches von dem, was er selbst einst zahlte. Denn er hatte den Mut gehabt, es zu erwerben, obwohl ein fähiger Museumsmann die Statuette damals für falsch erklärte. Wieder war es eine Genugtuung für ihn, daß es die Sammlungen der Stadt Augsburg waren, die das Figürchen ersteigerten. Es hat allerdings, solange es in Wilms Besitz war, die meiste Zeit im Dunkel eines Banksafes zugebracht. Diese hohen Preise für die Hauptstücke ließen auch die vielen kleinen Kunstgegenstände anziehen, die sich im Laufe seines Sammlerlebens in der Villa im äußersten Schwabing, am Ende der Leopoldstraße, angehäuft hatten. Ging man mit ihm durch das weitläufige Haus, so wußte er zu jedem Stück eine Erinnerung. Manche dieser Geschichten hat er in den "Erinnerungen eines Kunstsammlers" (Wien, 1952) festgehalten. So die Erzählung von dem Talisman des Rivierafischers, der sich als ein romanisches Relief herausstellte, das er für eine moderne Schutzplakette und eine Aufzahlung eintauschen konnte. So ist hin und wieder das Glück dem Sammler hold. Aber eine derart bedeutende Sammlung, wie die Hubert Wilms, kommt nur zustande, verbindet sich Leidenschaft mit Fleiß, Titkraft und Kenntnissen, besonders wenn keine großen Geldmittel zur Verfügung stehen,

Dem Schüler der Münchener Kunstgewerbeschule gaben die Besuche im Bayerischen Nationalmuseum mit seinen reichen Sammlungen die ersten Anregungen, und er erinnert sich der Krippenfiguren, die man in der Allgäuer Heimat zu Weihnachten aufbaute. Doch wandte sich seine Sammelleidenschaft nicht sogleich der altdeutschen Plastik zu. Da er selbst Exlibris radierte, wurde er im Tauschwege bald Besitzer einer umfangreichen Eslibris-Sammlung, die er erst sehr viel später gegen eine gotische Figur vertauschte. Dann reizten ihn Zinn und Fayencen. In Niederbayern fand er auf Wanderungen den ersten Kontakt zur deutschen Schnitzkunst. Eine Auktion, 1913, in München, wo das Berliner Kaiser-Friedrich-Museum die Dangolsheimer Madonna für 64 000 Goldmark erwarb, öffnete ihm und anderen die Augen für den materiellen Wert dieser Kunst.

Nach dem ersten Weltkrieg hat er schon einen gewissen Ruf als Kenner. Ein Leipziger Verleger bittet ihn, ein Werk über die "Gotische Holzskulptur", das viele Auflagen erleben sollte, zu schreiben. Er geht als Künstler an die Aufgabe heran und versetzt sich in die Werkstatt, der gotischen Holzbildhauer an Hand von alten Darstellungen, stöbert in vergessenen Rezepten, lernt selbst Vergolden und Fassen, wird an seinen Figuren zum Restaurator und so zum Kenner der alten handwerklichen Arbeitsweisen. In anschaulicher Form kann er nun schildern, wie diese Figuren geschnitzt worden sind.

Seine Freunde raten ihm, das Universitätsstudium aufzuehmen, und wieder ist es die Sammelleidenschaft, die ihm das Thema – zur Doktordissertation gibt. Auf seinem Gebiet weiß er mehr als die Professoren. Sammler, wie der rheinische Industrielle Otto Wolff, machen ihn zu ihrem Berater und fahren nicht schlecht dabei. Denn die Kenntnis der Handwerksbräuche schützt ihn vor Fälschungen. Seine Leidenschaft zieht ihn auf die großen Auktionen in Berlin, London, Paris. Wie kommt man dahin? Er entdeckt seine gute Feder und schreibt für die großen Tageszeitungen, die ihn zu jeder wichtigen Auktion schicken. Manche Gelegenheit für einen günstigen Kauf ergibt sich dabei. Die Antiquitätenläden werden überall gewissenhaft abgegangen. Im Fenster eines Münchner Ladens entdeckt er einen romanischen Leuchter, den er für 45 Mark ersteht, denn der Händler hält ihn für falsch. Auf "seiner" Auktion bringt das Stück einige tausend Mark, ein Holländer steigert es gegen den Leiter des Kölner Schnütgen-Museums, der es für absolut echt erklärt, Wieder eine Bestätigung für das sichere Auge des Sammlers Hubert Wilm. Es bewährt sich auch, als er über lebende und alte Kunst als Kritiker zu schreiben beginnt. Seine Passion schenkt ihm nun auch auf diesem Gebiet neue Gesichtspunkte. Von seinen Einkünften als Schriftsteller kann er seine Sammlungen und seine Spezialbibliothek ausbauen, deren Regale sich unter den gotischen Figuren hinziehen. Als er die Ergebnisse seiner Kölner Auktion addiert, kommt er auf über eine Viertelmillion. Die intensive Arbeit eines Sammlers findet ihren Lohn. Aber auch jetzt läßt ihn sein Dämon nicht los. Kaum ist das Haus von Skulpturen geleert, hängt er seine Bilder des 19. Jahrhunderts auf und kauft weitere dazu.

Weshalb wir die Geschichte dieses Sammlerlebens so ausführlich erzählen? Um unsere Leser zu ermutigen, selbst Sammler zu werden oder sie anzufeuern, ihre Anlage auszubilden, wenn sie es schon sind. Die Phantasie, ein günstiges Sammelgebiet zu finden, gehört allerdings mit zur Kunst des Sammelns. Darüber hinaus aber vermag die Kunst des Sammelns – der Lebenslauf Hubert Wilms, der als elftes Kind einer wenig begüterten Kaufmannsfamilie zur Welt gekommen ist, beweist es – eine Schule der Lebenskunst zu werden. Erhard Göpel