Zum 45. Male wird am kommenden Sonntag der große Staffellauf Potsdam–Berlin ausgetragen werden, der stets als das wirkungsvollste Propagandamittel für den Sport schlechthin galt. Diesmal beginnt der Lauf nicht in Potsdam selbst, sondern auf Westberliner Gebiet. Ob unter den Tausenden von Zuschauern, die die Straße säumen, einer sein wird, dem noch bekannt ist, welchen Ärger dieser Staffellauf einst erregte? Anno 1912 lief als Schlußmann des in den ersten Jahren meist siegreichen „Berliner Sport Clubs“ der Kaiserneffe, Prinz Friedrich Carl von Preußen, durch das Ziel an der Siegessäule. Prompt empörte sich die sittenstrenge „Tägliche Rundschau“ über die „schamlose“ Tatsache, daß ein Hohenzollernprinz mit nackten Beinen durch die Allee seiner Ahnen gerannt sei!

Und welche Schwierigkeiten gab es erst zu überwinden, ehe der Staffellauf Potsdam–Berlin überhaupt zum erstenmal zustande kam! Als Carl Diem den Plan des Staffellaufes aussprach und ein entsprechendes Gesuch an den Polizeipräsidenten vom Berlin richtete, erhielt er eine kurze, aber unmißverständliche Antwort. Der „Unfug“ wurde nicht genehmigt. Da half ein alter Kavallerie-General, der dem Kaiser nahestand. Graf v. d. Asseburg, der als Präsident des Nationalen Olympischen Komitees zwei Jahre zuvor bei den Spielen in Athen wahrscheinlich zum erstenmal in seinem Leben überhaupt etwas von Leichtathletik gesehen hatte. Bei einer Parade trug er dem Kaiser den Diemschen Plan vor und kam glückstrahlend zu seinen jungen Freunden mit der allerhöchsten Genehmigung zurück. Dagegen konnte nun auch die allmächtige Polizei nichts mehr machen, zumal der Graf auch gleich einen, wenn auch recht bescheidenen, so doch den Beamten höchstlich imponierenden Kaiserpreis für den Sieger mitbrachte.

Noch einmal drohte der Veranstaltung die Gefahr des Verbotes, aber wieder fand sich ein mutiger Fürsprecher, wieder . ein alter Reitersmann. Es war Viktor von Podbielski, Husarengeneral a.D., Großgrundbesitzer, MdR, Landwirtschaftsminister a. D. und Vorsitzender des Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele. Ihm gelang es, seinen Vetter, Traugott von Jagow, der als Polizeipräsident von Berlin das berühmt gewordene Wort „Die Straße gehört allein dem Verkehr – ich warne Neugierige!“ geprägt hatte, davon zu überzeugen, daß durch einen harmlosen Staffellauf einiger Hundert begeisterter Menschen der öffentlichen Ordnung und Sicherheit bestimmt kein Schaden erwüchse.

Die Bedeutung dieses Staffellaufes lag und liegt auch heute noch vor allem darin, daß er eine gemeinsame Sache aller an den Leibesübungen interessierten Kreise ist. Mochten sich auch Turner und Sportlern noch so sehr befehdet haben, zu „Potsdam–Berlin“ trafen sie sich immer wieder. Es gab und gibt keine bessere Gelegenheit, wenigstens einmal im Jahre die Geschlossenheit aller Verbände, Bünde und Vereine zu beweisen.

Aus den sieben Mannschaften mit ihrer. 350 Läufern, die am 14. Juni 1908 zum erstenmal an der Glienicker Brücke auf die 25 Kilometer lange Strecke nach Berlin geschickt wurden, sind im Laufe der Jahre und Jahrzehnte weit über hundert Teilnehmer geworden. Liefen zuerst nur Männer, so kamen mit der Zeit Jugendliche und Schüler hinzu, bald auch schon die Frauen, und schließlich traten auch noch die „Alten Herren“ an. Und das Wertvollste an diesem einzigartigen Wettbewerb ist, daß es weniger auf die Einzelleistung, a.s auf die Leistung des Ganzen ankommt. W. K.