In vier Bänden Ausgewählter Werke hat der Verlag Jakob Hegner in Köln und Olten eine Sammlung des Gewichtigsten aus dem dichterischen und schriftstellerischen Schaffen Reinhold Schneiders erscheinen, lassen. Es wird vielleicht manchen überraschen, bei dieser Gelegenheit zu erfahren, daß der 50. Geburtstag des Autors (13. Mai) der Anlaß zu dieser Ausgabe war. Denn selten geschieht es in der modernen Welt, daß so früh und so unabweislich das Wort eines Zeitgenossen in die geistige Daseinssubstanz der Epoche eingeht, wie es schon vor vielen Jahren mit dem Werke Reinhold Schneiders der Fall war. Dabei ist das Anerkenntnis seiner Stimme nicht an die Zugehörigkeit zu der Konfession gebunden, in der sein ganzes Denken zutiefst verwurzelt ist. Schneider ist vielmehr eine der seltenen Erscheinungen, in denen katholischer Geist eine derart bezwingende Repräsentation erfahren hat, daß seine formende Kraft jedes Bewußtsein anspricht und verpflichtet, dessen Verhältnis zu den Tatsachen des menschlichen Seins und der Geschichte sich nach Lehre, Mahnung und Gesetz des Christentums orientiert. Ja, Schneiders eigentliche Mission besteht darin, auf eine förmlich bedrängende Art in allen Phänomenen des Weltgeschehens den Bezug zur christlichen Verheißung aufzuweisen, von allen Seiten immer wieder auf diese Mitte zu zeigen, einen Weltplan in seinem Wirken, sichtbar zu machen, dessen Forderung geradezu unerbittlich über dem gesamten Leben steht.

Es ist keine sanfte, süße, schwärmerische Religion, sondern eine, in der die ganze furchtbare Härte der heutigen Realität ihren sehr legitimen Platz hat und die – vielleicht – menschliches Normalmaß überfordert, wo die Kirche selbst, sofern auch sie auf Menschenkraft gestellt ist, dem äußersten Anspruch nicht standhält. Das jedenfalls erklärt die starke und tiefe Resonanz, die Reinhold Schneider schon in verhältnismäßig frühem Lebensalter gefunden hat: von allen religiösen Stimmen unserer Zeit ist die seine die am wenigsten überhörbare, weil sie die bei weitem wahrhaftigste und gewissermaßen rücksichtsloseste ist; diejenige, die jedermann vielleicht am liebsten gerade überhören möchte, deren Aussage jedoch von der donnernden Sprache der Weltwirklichkeit begleitet und bestätigt erscheint. Es ist auch erstaunlich, wie in sich geschlossen das weltgeschichtliche Bild ist, das dem Leser aus den vier Auswahlbänden entgegentritt. Daß dabei die abendländische Geschichte stellvertretend für Universalgeschichte steht, ergibt sich aus der Mittelpunktbedeutung der christlichen Formgebung, die (oder deren permanenter Versuch) das spezifische Erbe Europas ist.

Die Bände „Herrscher und Heilige“, „Über Dichter und Dichtung“, „Der fünfte Kelch“ und „Das getilgte Antlitz“ enthalten vor allem die kleineren Schriften und Essays sowie die Erzählungen, die bisher in den verschiedensten Verlagen verstreut erschienen waren. Auch einiges bislang Unveröffentlichte kam hinzu. Aus dem „Inselreich“, den „Hohenzollern“ sowie aus den Dramen sind Auszüge aufgenommen, während die in einem weiteren Band zusammengefaßten „Camoes“ und „Philipp II.“ unter dem Titel „Iberisches Erbe“ separat angekündigt werden. Die Frage ist, ob nicht die vollständigen dramatischen Dichtungen, von denen besonders die letzten „Der große Verzicht“ und „Innozenz und Franziskus“ von stärkster gedanklicher Aktualität und dabei bedeutendem dichterischen Rang sind, unbedingt in die Sammlung gehört hätten und ebenso die verschiedenen lyrischen „Zyklen, diese wenigstens in reichlicher Auswahl. Statt dessen, fügte der Verlag seiner übrigens sehr liebevoll und vornehm aufgemachten Ausgabe als fünften Band noch die umfangreiche Darstellung „Reinhold Schneider: Sein Weg und sein Werk“ von Hans Urs von Balthasar bei. Das ist keine Biographie, sondern ein gewiß in seiner Art großartiges geistiges Porträt, ein glänzend; geschriebenes Konzentrat der Schneiderschen Gedankenwelt. Allein: wird es jemand lesen, der Schneider nicht ohnehin kennt? Und wird es denen, die ihn kennen, dessen ganzes Werk doch eine einzige große „Deutung“ ist, ein Bedürfnis sein, die Deutung abermals gedeutet zu bekommen? Diese Frage drängt sich um so mehr auf, als die vier Bände Schneider jeder noch mit einem Nachwort des Autors versehen sind, das in allen Fällen die überhaupt noch nötige und mögliche Erläuterung in denkbar eindringlicher Weise leistet. A-th