Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn heute ein Europäer in Kairo, Teheran oder Tunis durch die Straßen geht, lärmen die Kinder oft extra laut, um ihr Mißfallen kundzutun. Man geht gewiß nicht fehl, wenn man annimmt, daß ihre Väter, als sie noch in den gleichen Straßen spielten, ehrfurchtsvoll den vorübergehenden Europäer bestaunten. In diesem Wandel kommt deutlich zum Ausdruck, daß die Vorherrschaft des weißen Mannes nicht mehr als ein natürliches Vorrecht angesehen wird. Es stellt sich plötzlich heraus, daß diese scheinbar ewige Ordnung wohl nur eine geschichtliche gewesen ist.

Die Welt zerfällt heute in zwei feindliche Lager: die des Kommunismus und des Liberalismus. Dazwischen liegt ein breiter Gürtel, der von Indien bis Afrika reicht und der hinsichtlich dieser Alternative keine Position bezogen hat, weil für ihn andere Fragestellungen entscheidend sind. Für diese Gebiete, die im Laufe der letzten Jahrzehnte alle von einer der europäischen Kolonialmächte beherrscht wurden, gibt es nur ein Problem, das sie interessiert: die Souveränität. Sie wollen selbständig werden und unabhängig sein. – Wenn einer der beiden Machtblöcke in der Lage wäre, diesen afrikanischen, arabischen und südostasiatischen Ländern glaubhaft zu machen, daß nur in seiner Machtsphäre die Erreichung dieses Zieles garantiert sei, so würde der "Anschluß" bald erfolgen. Bisher aber ist dies keinen der beiden Seiten gelungen. Dem Westen nicht, weil er ausschließlich materiell argumentiert und jene Gebiete mit dem sogenannten Point Four Program (Finanzierung unentwickelter Gebiete) an sich zu fesseln denkt, obgleich die farbige Welt der weißen nicht so sehr ökonomische Ausbeutung als sozialen Hochmut und politischen Imperialismus vorwirft und übelnimmt. Und dem Osten ist es nicht gelungen, obgleich er stets versichert, daß sein Machtkampf identisch sei mit dem Freiheitskampf der Kolonialvölker.

So besteht in jenen Ländern eine natürliche Neigung zur Neutralität. Die Führung hierbei liegt in den Händen von Nehru, der seit langem die Errichtung eines neutralen Blocks anstrebt und der stets bemüht ist, in allen wesentlichen Fragen eine eigene, von Ost und West unabhängige Entscheidung zu treffen. Das begann bei dem von Foster Dulles entworfenen japanischen Friedensvertrag, dem Indien nicht beitrat mit der Maßgäbe, daß es mit einer asiatischen Macht keinen derart selbstherrlichen Friedensvertrag abschließen werde. Und dieser Tage hat der indische Premierminister vor dem Staatsrat erklärt, Indien sei durch die Resolution der Vereinten Nationen vom 18. Mai 1951, die die Lieferung von kriegswichtigem Material nach China verbiete, nicht gebunden und werde sich auch in seinem Außenhandel keine Beschränkungen auferlegen lassen.

Indien hat also bereits eine feste Position in der heutigen Weltpolitik bezogen, während man dies von den arabischen Staaten noch nicht sagen kann. Der Nahe Osten, als der Brennpunkt großer, strategischer (Suez-Kanal) und wirtschaftspolitischer (Öl) Kraftlinien wird von allen Beteiligten umworben. Schon bei den 1940 zwischen Stalin und Hitler geführten Verhandlungen hat Stalin dieses Gebiet als sowjetische Interessensphäre beansprucht. Heute ist Pannikar, der sehr aktive Botschafter Nehrus in Kairo, bemüht, die indischägyptischen Beziehungen auf politischem und kulturellem Gebiet so eng wie möglich zu gestalten und Ägypten, das unter Nagib eine entscheidende Führungsrolle innerhalb der arabischen Welt übernommen hat, für den neutralen Block zu gewinnen. Gelänge dies, so wäre der Plan eines Mittel-Ost-Verteidigungs-Kommandos mit England, Frankreich und den Staaten des Vorderen Orients – das eine wichtige Ergänzung zum Atlantikpakt und den kürzlich geschlossenen jugoslawisch-griechisch türkischen Pakt darstellt–zunichte gemacht.

Daß man diesen Problemen in Amerika entscheidende Bedeutung zumißt, kommt in der Reise von Foster Dulles zum Ausdruck, der den Nahen Osten, Indien und Pakistan drei Wochen lang bereisen wird, während seine Reise durch Europa nur zehn Tage in Anspruch nahm. Er ist übrigens der erste amerikanische Außenminister, der jene Gebiete, denen bisher politisch kein besonderes Gewicht zuzukommen schien, persönlich in Augenschein nimmt. Man wird also vielleicht hoffen können, daß die Vereinigten Staaten nun zum erstenmal eine einheitliche Nahostpolitik entwerfen werden.

Bisher gab es das nicht. In Persien ist manches angeregt und nichts durchgeführt worden; im Bereich der arabischen Staaten hat man zeitweise ausschließlich den Staat Israel gestützt; in Nordafrika sind den Marokkanern seinerzeit gegen die französische Protektoratsmacht Versprechungen gemacht worden, und in Ägypten ist noch alles in der Schwebe. Hier, wo mit dem Scheitern der britisch-ägyptischen Verhandlungen über die Räumung der Suez-Kanal-Zone die Verteidigung des Nahen Ostens in Frage gestellt ist, erwarten Foster Dulles besondere Aufgaben. Im Moment scheint er die letzte Hoffnung zu verkörpern, denn in Ägypten, wo sich alle Ressentiments und Vorwürfe vorwiegend auf England und nicht so sehr auf den Westen schlechthin konzentrieren, genießen die Vereinigten Staaten als eine traditionell antikoloniale Macht noch ein gewisses Vertrauen.