Die gegenwärtige Wirtschaftslage wäre "nach alter Konjunkturregel tatsächlich wohl am besten als eine Zeit der Hochkonjunktur gekennzeichnet, sowohl international als auch vom westdeutschen Standpunkt aus gesehen;... im Verlauf des Jahres 1953 müßten wir eigentlich einer Phase entgegengehen, die zum Konjunkturabschwung hinüberleitet". So urteilt, z. T. übereinstimmend mit der institutionellen deutschen Konjunkturforschung, der Gründer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Prof. Dr. Ernst Wagemann, in seiner neuesten Schrift ("Wirtschaft – bewundert und kritisiert. Wie ich Deutschland sehe") über die gegenwärtige konjunkturelle Situation vom Standpunkt des Deutschland wieder einmal besuchenden Auslandsdeutschen. Gegenüber dieser die derzeitige labile Lage zutreffend zeichnenden Charakteristik verfällt die Öffentlichkeit infolge der kurzfristigen Schwankungen, die seit nun rund Zwei Jahren für das Pendeln auf dem Stande der Hochkonjunktur kennzeichnend sind, bei jeder Zwischenbelebung oder gar nur Saisonbelebung der Täuschung, daß es nun schon wieder unzweifelhaft rasch aufwärtsgehe, und bei jedem Zwischenrückschlag der Sorge, daß die Krise hinter der nächsten Ecke schon lauere.

In Wirklichkeit gibt eine konjunkturwissenschaftliche Charakteristik der erwähnten Art weder Stoff zu einem fatalistischen Pessimismus noch läßt sie sich durch den Hinweis auf einige günstig lautende neuere Konjunkturdaten schon widerlegen. Eine solche Analyse ist eine Diagnose, keine unbedingt Gewißheit in Anspruch nehmende Prognose. Eine völlig zuverlässige Prognose ist schon deshalb nicht möglich, weil sie die Voraussage darüber mit umschließen müßte, welche konjunkturpolitischen Unbesonnenheiten die westliche Welt, also wir selber, in nächster Zeit machen werden. Zwar gibt es auch da leider gewisse Wahrscheinlichkeiten und unglaubliche Wiederholungen von konjunkturpolitischen Fehlhandlungen. Aber der Sinn der Konjunkturanalyse, der Diagnose wie der Prognose, d. h. also einer Analyse der Tendenzen unter der Bedingung; ceteris paribus, ist gerade der, die nötige Sachkenntnis zur Vermeidung solcher Unbesonnenheiten zu vertiefen, gewiß aber nicht, einen Fatalismus zu züchten.

Über die – ceteris paribus – wirksamen konjunkturellen Tendenzen ist allerdings trotz der zum Teil ausgezeichnet lautenden jüngeren Meldungen über die Wirtschaftstätigkeit (etwa in USA und der Bundesrepublik) kaum ein Zweifel möglich. Man muß natürlich über den Bretterzaun des eigenen Landes hinauszusehen versuchen, wenn man Überschätzungen unmittelbar vor Augen sich zeigender Symptome in optimistischer wie pessimistischer Richtung vermeiden will. Hier ist zunächst ein Vergleich der internationalen Konjunkturabschwächung von 1949 mit der von 1952 von Nutzen.

In beiden Jahren hat die industrielle Produktion der westlichen Welt noch einen jährlichen Zuwachs von rund 3 v. H. (gegenüber von 11 bis 14 v. H. in den Aufschwungjahren 1947, 1948, 1950 und 1951) erreicht. Im ganzen gesehen zeigt sich der große Unterschied zwischen 1949 und 1952 jedoch darin, daß damals der Welthandel wertmäßig und vor allem dem Volumen nach noch immer gestiegen war, 1952 jedoch mindestens eine deutliche Stagnation, wenn nicht sogar ein Rückschlag eintrat: die leichte Expansion an den Binnenmärkten spielte sich also diesmal unter deutlicher Verkrampfung des internationalen Austausches ab. Im einzelnen zeigt die industrielle Entwicklung in den einzelnen Ländern, daß der Rückschlag von 1949 eigentlich nur eine Angelegenheit der Vereinigten Staaten war, wobei die übrige Weltwirtschaft im Schatten dieser amerikanischen Entwicklung stand, während der Trend der Wiederaufbaukonjunktur in den übrigen Industrieländern noch ungebrochen war; 1952 aber wiesen nur noch Japan und Deutschland (neben Indien) in der nicht-amerikanischen Welt Produktionssteigerungen auf; im übrigen überwogen zum Teil spürbare Rückschläge, und die amerikanische Industrieproduktion stockte.

Die Deutung dieser Unterschiede ist nicht schwer: die Situation steht diesmal viel stärker als 1949 unter dem Würgegriff deflatorischer Zahlungsbilanzschwierigkeiten. Zwar haben gerade die westeuropäischen Industrieländer – zum Teil durch bewußte konjunkturpolitische Drosselung der Binnenkonjunktur und damit des Importbedarfs – diesmal ihre Zahlungsbilanzen sogar teilweise noch entlastet, aber auf Kosten der überseeischen Agrar- und Rohstoffländer, bei denen (vgl. die neueste Entwicklung etwa in Argentinien, Pakistan, Malaia) sich die Zahlungsbilanznöte bedenklich zuspitzten. Die deflatorische Schraube des weltwirtschaftlichen circulus vitiosus herumgereichter Zahlungsbilanznöte ist also schon angedreht worden. Im Hintergrund steht als "prima causa" der Verfall der Kapitalausfuhr und Kapitalhilfe, also des internationalen Investitionsprozesses, dessen Konsequenz sich mit den Auswirkungen einer – zwar auf sehr hohem Niveau – der Stagnation zuneigenden amerikanischen Konjunktur verbindet. Der immer noch hohe Stand der inneren Investitionen in wichtigen Ländern, darunter vor allem wiederum in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik und der dort auch noch anhaltend hohe und zum Teil noch wachsende Konsum, dürfen also nicht darüber hinwegsehen lassen, daß der internationale Investitionsprozeß einen schweren Schock erfahren hat.

Die weitgehende Schließung des "Dollar-Gap" der nicht-amerikanischen westlichen Weltwirtschaft, der 1950 vorübergehend tatsächlich als Folge stark erhöhter amerikanischer Einfuhren geschlossen war, jetzt aber infolge reduzierter amerikanischer Kapitalhilfe und administrativer Beschränkung von Dollar-Importen in vielen nichtamerikanischen Ländern fürs erste praktisch fast verschwunden ist, ist nicht nur ein Ausdruck der gewachsenen inneren Produktionskrift der nicht-amerikanischen Länder (also ihrer erhöhten "Lebensfähigkeit", um einen Ausdruck aus der ERP-Diskussion der vergangenen Jahre noch einmal zu verlebendigen), sondern auch ein Symptom dieser nicht unbedenklichen Situation.

Selbstverständlich hat die auf hohen Touren laufende Weltwirtschaftskonjunktur ein großes Eigengewicht, und sie ist daher nicht durch jede partielle Krisenerscheinung schon zu erschüttern. Die Investitionen in den Industrieländern sind meist noch sehr hoch, und vor allem bilden die zwar nicht mehr wachsenden, sondern eher vermutlich demnächst etwas gesenkten, aber trotzdem sehr hohen Rüstungsausgaben einen gewaltigen unempfindlichen Nachfrageblock. So sind in der Tat Voraussetzungen für einen scharfen weltwirtschaftlichen Konjunkturrückschlag wohl kaum gegeben. Aber die gegenwärtige politische und soziale Weltsituation verträgt ohne krisenartige Folgen auch einen schwachen Rückschlag nicht, ja, nicht einmal eine Stagnation oder gar nur eine länger anhaltende unter-optimale Ausnutzung der Produktionskapazitäten. Der stärker werdende Hang zum Protektionismus (vor allem in Amerika, aber nicht nur dort), der die Welthandelsstagnation nur zu intensivieren droht, die Neigung zu einer leicht deflatorischen Konjunkturpolitik (etwa in der amerikanischen Auslandshilfe-, in der amerikanischen Kredit- und Finanzpolitik) ist daher gerade in diesem Stadium der weltwirtschaftlichen Hochkonjunktur nicht ohne Bedenken. Nach "alten Regeln der Konjunkturstrategie" erfolgen "anti-inflatorische" Maßnahmen, zumeist in einem zu späten Zeitpunkt, in dem sie also schon negative konjunkturpolitische Wirkungen haben können.

Auch wenn – wie etwa in der Bundesrepublik – gegenwärtig erfreuliche Anzeichen einer über das Saisonmaß hinaus kräftigen Frühjahrsbelebung erkennbar sind und die Devisenbilanz weiter ein erfreuliches Gesicht zeigt, muß man eben doch diese nationalen Konjunkturerfolge stets auf dem Hintergrund der internationalen Konjunktursituation sehen.