Von Jan Molitor

Wer in diesen Tagen nach Hamburg kommt und sich eine fröhliche Viertelstunde bereiten will, der möge sich an die beiden Ausgangspunkte der Neuen Lombardsbrücke begeben. Diese Brücke, die parallel zur alten Lombardsbrücke läuft und ihr hilft, die Außenalster von der Binnenalster zu trennen, ist zur Internationalen Gartenbau-Ausstellung und zum "Hamburgjahr 1953" rechtzeitig fertig geworden – ein anmutiges, auch entsprechend teures Bauwerk. Sie hat keinen Fehler, es sei denn den, daß sie – überflüssig ist.

Überflüssig – oh, da ist uns ein schlimmes Wort entfahren, und es könnte scheinen, als wollten wir hier den vielen Kritikern der hamburgischen Kommunalpolitik noch ein bißchen mehr Wasser auf die ohnehin flott sich drehenden Mühlen geben. Nein, es kommt uns gar nicht darauf an, doch müssen wir – sobald wir am Sinn der neuen Brücke zweifeln – um Rückendeckung bemüht sein, denn nirgendwo schießen bekanntlich die Deutschen so scharf wie auf kommunalpolitischem Schlachtfeld. Und so ist gottlob das "Hamburger Abendblatt" zitierbar, das erklärte, die neue Brücke über die Alster sei gedacht als Mittelstück geplanter Verbindungen des Durchgangsverkehrs aus Ost, aus West, aus Nord und Nordwesten. Bestünden erst diese Verbindungen (deren Bau mit vielen "Durchbrüchen" ein Kapital verschlingen wird, das gar nicht vorhanden ist), dann erst würde die Innenstadt spürbar entlastet sein. Ich atme auf. Also ist doch ein Sinn erkennbar. Hoch die Zukunfts-Brücke! Aber nun wörtlich aus dem "Abendblatt" –: "Die neue Lombardsbrücke erfüllt diesen Zweck der Ablenkung des Verkehrs aus der Umgebung des Hauptbahnhofs so lange nicht, wie die übrigen Verbindungen nicht existieren. Sie ist das ‚Schlußstück‘ der Entwicklung. Der Senat hat also mit dem Bau der Brücke den letzten Schritt zuerst getan." Armer Senat, der sich dies sagen lassen muß!

Aber nicht zum Kopfzerbrechen über die zukünftige Bedeutung einer Brücke sei den Fremden – und den Einheimischen – geraten, ein Viertelstündchen in stiller Betrachtung an den Ausgangsplätzen der Brücke zu verbringen: einerlei, ob links der Alster, in der Nähe des Hotels Atlantic, oder rechts der Alster, in der Nähe des Dammtor-Bahnhofs. Hier wie dort hat der Betrachter des Verkehrs Gelegenheit, amüsiert festzustellen, daß eine imponierend große Anzahl von wohlfunktionierenden Verkehrsampeln in der Lage ist, den Verkehr glatt lahmzulegen. Wer freilich auf dem Sitz eines Autos oder dem Sattel eines Fahrrades hier passiert, der amüsiert sich schon weniger, und passiert er gar täglich; so nimmt er geradezu Anstoß an der Starrköpfigkeit, mit der versucht wird, verkehrshemmende Verkehrsregeln aufrecht zu erhalten – um der Methode willen!

Sonderbar ist schon dies –: Zwar wurde an beiden Punkten, hüben und drüben, eine Art Rundverkehrs-Platz geschaffen, dessen Sinn ja darin besteht, daß alle Wagen rechts herum fahren und daß nichts entgegenfahren kann, aber dieser erprobte Typ des Karussels ist hier nicht "rein gezüchtet", sondern stellt sich als ein Bastard dar: quer über den Platz geht’s auch, und eben deshalb braucht man Lichtsignale. Diese Lichtsignale (auf der Dammtorbahnhofseite zählt man einundzwanzig) sind nun einmal da. Wollen doch sehen, ob man in einem Zuge den Platz umrunden kann...

Zehnmal (so daß ich dem Polizisten schon auffällig wurde) fuhr ich links der Alster zur Brücken-Auffahrt. Zweimal hatte ich Glück, achtmal – ich schwör’s – war es so: Erste Ampel zeigt rot. Kein einziger Wagen überquert die Straße vor unserem Kühler, aber wir warten, gemeinsam mit vier, fünf, sieben Wagen. Grün! Wir stürzen los. Wenige Meter, eine Viertelumdrehung des Kreisverkehrs: eine neue Ampel. Rot. Zwar kommt auch hier niemand in die Quere (obwohl er’s könnte), aber wir warten. – Grün! Wiederum nur wenige Meter. Die dritte Ampel zeigt ihr Rot wohl nur aus Hartnäckigkeit. Man muß daher besorgt sein, daß nicht ein folgender Wagen einem hintenauf prallt, weil diese Art des Rundverkehrs in Etappen ganz unglaubhaft erscheint. Und das ist dann der Moment, in dem der Autoahrer die hold errötenden Ampeln mehr zu fürchten beginnt als das schlimmste Verkehrsgewühl. Rundum leuchten die Lichter, nicht nur für den Autofahrer und für den Radfahrer, sondern auch für den Fußgänger, der mit dem aufleuchtenden Wort "Gehe" angeduzt wird, was eine zumindest altmodische Befehlsform ist. Für den Betrachter ist bei alledem verblüffend, daß sich das Lichterspiel der Ampeln meist als Selbstzweck-erweist, als L’art pour l’art, als Feux pour feux. Früher, als wir die neue Brücke noch nicht hatten, fuhren wir enggedrängt, aber im "fließenden Verkehr" flott über die alte Brücke. Die Schwierigkeit war ja nicht, über die Brücke, sondern – Achtung, Querverkehr! – auf die Brücke zu kommen. Nun, da wir zwei Möglichkeiten haben, die Alster zu überqueren, haben sich unter großem Kostenaufwand die Auffahrtschwierigkeiten verdoppelt. So stehen wir an den Auffahrtplätzen vor lauter Lichtern, eine gehorsam verharrende Auto-Versammlung, und in der Mitte des Platzes sieht man ... Ja, was? Ruhe, Leere; eine unbenutzte Arena, um die im Kreis die Autos warten. Ach, tausendmal bin ich in Berlin einst ungehemmt über den Alexanderplatz gefahren, wo Rundverkehr herrschte und Ampeln nicht störten. Hundertmal bin ich um den Arc de triomphe in Paris gefahren, wo bei schier sagenhaft großem Verkehrsgewühl überhaupt keine Ampeln zur Verfügung stehen und weit und breit kein Flic zu sehen ist. – Und hier ist nun der Augenblick, das Thema auszuweiten, denn nicht ein hamburgisches Lokalereignis allein soll hier gefeiert werden. Der Sieg der Ampeln, deren Grün an der Neuen Lombardsbrücke ein neues, geschmackvolles Nil-Grün ist, über den Verkehr muß ja wohl Gründe haben, die auch in anderen deutschen Städten wirksam sind ...

Es manifestiert sich in diesen Ampeln die Sucht, alle Schwierigkeiten organisatorisch zu regeln, nach dem Schema, und sei es das von Grün und Gelb und Rot. Wie so viele Dinge des Lebens hat man auch den "Verkehr" abstrahiert. Der Verkehr "findet statt", ein abstraktes Ding. Die Menschen aber, sobald sie sich auf der Straße bewegen, ob in Autos, auf Fahrrädern oder zu Fuß, summieren sich, besser: werden summiert zu einem Menschenfluß, dessen Tempo dirigiert wird, durch Ampeln beispielsweise, durch Maschinen also, durch Automaten, die recht "von oben herab" die Behörde vertreten. Ist es einmal so weit gekommen, so wird der "Verkehr" als ein selbständiger Organismus angesehen. "Erkrankt" dieser Organismus – ein Fachmann her: In Amerika gibt es solche Experten, die von Stadt zu Stadt reisen und wie Ärzte herbeigerufen werden können, wenn an bestimmten Punkten der Verkehr an Kreislaufstörungen leidet. Ein solcher Verkehrs-Doktor wäre an der Neuen Lombardsbrücke in der Innenstadt von Hamburg dringend nötig. Kommt er nicht bald, so stirbt dort noch der Patient Verkehr.