Zu der Äußerung des Vorsitzenden des außenpolitischen Senats-Ausschusses, Senator Wiley, die Deutschen seien das einzige Volk in Europa, das die Amerikaner verstehe, schreibt die offiziöse "Diplomatische Korrespondenz" in Bonn: "Das deutsche Verständnis, von dem Wiley spricht, beruht auf der Übereinstimmung beider Völker in einigen ganz entscheidenden Werten ihrer Kultur. Das gilt vor allem für den deutschen und amerikanischen Lebenswert Nr. 1: Arbeit und Leistung. Sowohl der Amerikaner als auch der Deutsche finden in der Arbeit den eigentlichen Inhalt des Lebens. Arbeit gilt ihnen, wie sonst niemandem auf der Welt, um ihrer selbst willen. Beide werden dabei von einem Idealismus getrieben, der in Amerika im Dienst des Fortschritts alles "besser und größer" machen will und der in Deutschland allzusehr dazu neigt, das Künftige dem Bestehenden, die Idee der Realität gegenüber zu überschätzen. Beide, Amerikaner und Deutsche, sind Menschen der Dynamik." – In Europa habe dies dazu geführt, daß Deutschland, das nicht wie Amerika über einen ganzen Kontinent verfügt, "zum unbeliebtesten Volk" geworden sei. Die Deutschen sähen in der amerikanischen Aktivität keineswegs Machthunger, sondern ausschließlich den ihrem Nationalgeist eigentümlichen Instinkt, vom Schlechten zum Guten und vom Guten zum Besseren fortzuschreiten. Für Deutschland selbst wäre es eine Erlösung, wenn man auch bei ihm die ganz ähnlichen Triebfedern erkennen würde ...

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Nach nahezu einjähriger Pause traten die 14 Außenminister des Ministerrates des Europa-Rates in Straßburg zusammen. Die Bundesrepublik wird durch Staatssekretär Hallstein vertreten. Die Minister beschlossen zur Koordinierung aller Flüchtlings- und Übervölkerungsprobleme "eine bedeutende europäische Persönlichkeit" zu ernennen. In unterrichteten Kreisen wird Prinz Bernhard der Niederlande genannt.

Im Anschluß daran tagte die "Beratende Versammlung des Europarates". Bereits in den ersten Tagen tauchten bei der Aussprache über den Entwurf einer europäischen Verfassung ernste Schwierigkeiten auf, nachdem es schon im Rechtsausschuß zwischen Vertretern der SPD und der Bonner Regierungskoalition zu heftigen Meinungsverschiedenheiten über den Artikel 103 des Verfassungsentwurfes gekommen war. Dieser Artikel hat folgenden Wortlaut: "Wenn ein Mitgliedstaat die Hoheitsgewalt über ein Gebiet wiedergewinnt, das am 31. Dezember 1937 zu seinem Staatsgebiet gehörte, werden diese Statuten ipso facto für dieses Gebiet verbindlich sein." Nach diesem Artikel würde also bei einer Wiedervereinigung Deutschlands die europäische Verfassung automatisch für ganz Deutschland Rechtskraft erlangen. Die Vertreter der SPD haben angekündigt, daß sie diesen Beschluß mit allen Mitteln anfechten würden, weil er im Widerspruch zum provisorischen Charakter des Grundgesetzes stehe und außerdem die Wiedervereinigung Deutschlands erschwere, wenn nicht sogar unmöglich mache. Diese Stellungnahme soll zusammen mit einem von dem Rechtsausschuß der Versammlung unter Vorsitz des belgischen Völkerrechtlers Rolin ausgearbeitetem Gutachten, in dem die Autorität der Bundesregierung zur Eingliederung eines wiedervereinigten Deutschlands in eine internationale Gemeinschaft bestritten wird, dem Ministerrat der Montan-Union-Staaten vorgelegt werden. An dieser Sitzung des Ministerrates, die in Paris stattfindet, nimmt Bundeskanzler Adenauer teil, wobei jedoch abschließende Entscheidungen noch nicht erwartet werden. Im Zusammenhang mit diesen Beratungen werden zwischen dem Bundeskanzler und dem französischen Außenminister Bidault Verhandlungen über eine alle Beteiligten befriedigende Lösung der Saarfrage stattfinden.

Eine der merkwürdigsten Invasionen der Kriegsgeschichte – eine Invasion ohne Schlachten und ohne größere Verluste – scheint dem Ende zuzugehen. Die Streitkräfte Ho Chi Minhs, die innerhalb von 25 Tagen mehr als ein Drittel des Königreichs Laos überrannten, haben sich plötzlich auf ihre Ausgangspunkte zurückgezogen. Nur die bei Xieng Khuang südöstlich der laotischen Hauptstadt Luang Prabang stehende Vietminh-Elitedivision 304 hat sich bisher der Rückzugsbewegung nicht angeschlossen. Nördlich Luang Prabang setzen die Vietminh noch immer ihre Angriffe auf die beiden französischen Stützpunkte Muong Khoua und Muong Sai mit starken Kräften fort.

Der von führenden Pariser Zeitungen unternommene Feldzug gegen die lukrativen Währungsgeschähe französischer Politiker aller Parteien mit dem ungesunden Wechselkurs des indochinesischen Piasters, hat überraschend schnell zu einem vollen Erfolg geführt. Das französische Finanzministerium hat den Kurs des Piasters von 17 auf 10 französische Francs herabgesetzt. Dieser Schritt macht den umfangreichen Schiebungen und Schwarzhandelsgeschäften ein Ende und senkt für Frankreich die Kosten des Krieges in Indochina, die durch den überhöhten Kurs künstlich gesteigert wurden.

Zwischen Kambodscha und Frankreich ist ein neues Übereinkommen über das Verhältnis dieses indochinesischen Königreichs zu Paris geschlossen worden. Kambodscha erhält eine größere Selbständigkeit. In dem gemeinsamen Kommuniqué wird festgelegt, daß der König nicht nur den Oberbefehl über die Armee, sondern auch die Verantwortung für die innere Sicherheit des Staates erhält. Der Regierung wird außerdem die vollständige Gerichtsbarkeit übertragen. E. K.