Eine Skizze von Günter Block

Der junge Mann hatte die linke Hand in der Tasche seines Jacketts, während er die breite Geschäftsstraße hinunterschlenderte. Manchmal suchte er den Blick einer ihm entgegenkommenden Frau, dann wieder sah er in die Schaufenster und gab sich den Anschein, als wäre er wirklich an verschiedenen Auslagen interessiert. Es war ihm unangenehm, daß vielleicht irgend jemand an der Art seines Dahinschlenderns erkennen könnte, daß er keine Arbeit hatte und sich aus Langeweile unter die Menschen mischte. Manchmal ging er deshalb mit forschem Schritt durch die Straßen und machte dazu ein angespanntes Gesicht, etwas zu angespannt. Auf einmal verlangsamte er jedoch seine Schritte wieder. Das war der Moment, in dem er seinen Selbstbetrug erkannte.

Er spürte plötzlich, daß ihn jemand im Vorbeigehen musterte und fühlte gleichzeitig, wie seine Handflächen und der Rücken feucht wurden. Das war der Augenblick, in welchem der Komplex wieder einmal Gewalt über ihn gewann.

Er zog seine Hand aus der Jackettasche, streifte den Ärmel zurück und sah auf die Uhr über seinem Handgelenk. Im selben Augenblick ruckte er vorwärts, seine Gesichtszüge strafften sich, und darauf pflügte er sich durch den Menschenstrom auf dem Trottoir. Er hatte es nicht bemerkt, als er die Hand aus der Tasche zog, daß er einen Zehnmarkschein herauszerrte, der vor die Füße der Nachfolgenden auf die Fliesen flatterte.

Wie jeden Montag stand der abgerissene Mensch mit der dunklen Brille und der Blindenbinde um den Arm neben dem Aufgang zur Bank, den Pappkasten umgehängt, in welchem er Postkarten und kleine Windmühlen für Kinder anbot. Montags war dieser Platz der günstigste. Leute, die wieder: eine Woche lang in ihren Büros zubringen mußten und den Wochenendausflug noch in frischer Erinnerung hatten, waren an diesem Tag am ehesten zum Mitleid zu rühren. Er sah nach dem immer kleiner werdenden Schatten und rechnete sich aus, daß er in ungefähr einer Stunde in der Sonne stehen würde: Vielleicht regt sie ja auch die Gebefreudigkeit an, dachte er. Wenn nicht, muß ich dreister werden, ich muß sie herausfordern. Einer muß sich vor dem anderen schämen, wenn er vorbeigeht und mir nichts gibt.

Anfangs hatte er es völlig falsch angestellt, als er sich mit wehleidigem Gesicht hinstellte und kaum ein Wort hervorbrachte. Man hatte ihn gar nicht beachtet oder sich schnell an ihm vorbeigedrückt. So manchen Tag hatte er sich nur mit ein paar Pfennigen, und sehr deprimiert nach Hause geschlichen. Bis er darauf kam, daß man frech sein muß.

Er sah den jungen Mann in sein Blickfeld treten. Die jungen Burschen sind zu arrogant, dachte er. Als er ihn mit diesen Gedanken abtun wollte, sah er, wie der junge Mann beim Herausziehen der Hand aus der Rocktasche einen Zehnmarkschein verlor.