Friedrich Sieburg, dessen Beiträge bisher regelmäßig an dieser Stelle standen, wird sich für ein Jahr von der publizistischen Tätigkeit zurückziehen, um in Muße ein Buch zu schreiben. Er hat als Zeitpunkt dieses einstweiligen Übergangs von der vita activa zur vita contemplativa den Zeitpunkt gewählt, zu dem auch in Platons Idealstaat die Bürger von der aktiven Teilnahme an den öffentlichen Dingen entbunden werden: die Schwelle des Übergangs vom sechsten ins siebente Lebensjahrzehnt. Am 18. Mai wird er sechzig Jahre.

Nun wissen auch unsere Leser, daß Sieburg von jeher das gewesen sein muß, was man eine kontemplative Natur nennt. Hätte er sonst mit solcher Passion reisen und mit solcher Anschaulichkeit beschreiben können, was er auf seinen Reisen entdeckte? Seit ihn, vor nun gerade dreißig Jahren, die "Frankfurter Zeitung" als Auslandskorrespondenten hinausschickte, und erst recht, seit er, zehn Jahre danach, ihr erster Reisekorrespondent wurde, war eins seine stärkste Leidenschaft: zu sehen, immer wieder zu sehen, die andere Welt in sich aufzunehmen, die Eindrücke zu bewahren. Wer diese augentrunkene, seh-süchtige Menschenart beschreibt, zu der Sieburg gehört, beruft sich gern auf den Türmer Lynkeus aus dem Zweiten Teil des "Faust": "Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt..." Aber die meisten vergessen dabei, daß eben dieser Lynkeus auch die Katastrophe mitansehen muß, die durch Fausts titanischen Willen zur Menschheitsbeglückung über das Hüttchen hereinbricht, in dem Philemon und Baucis wohnen, und daß er bei diesem Anblick sein herrliches Amt verflucht:

"Sollt ihr Augen dies erkennen!

Muß ich so weitsichtig sein!"

So endet bei Goethe das Türmerlied, das als Preislied auf die "glücklichen Augen" begann. Und wem bei der Nennung des Namens Friedrich Sieburg der Türmer Lynkeus in den Sinn kommt, der sollte auch daran denken, daß Sieburgs Augen besonders empfindlich auf die Katastrophe reagiert haben, die der faustische Drang von vielerlei Machthabern unserer Zeit angerichtet hat.

"Was sich sonst dem Blick empfohlen, mit Jahrhunderten ist hin" – diese letzten Zeilen des Lynkeus stehen ungeschrieben als Motto über den Büchern, die Friedrich Sieburg veröffentlicht hat. Es ist, bei allen, noch die heile Welt darin, die Welt vor den großen Bränden. Aber es sind auch die großen Brände darin und die bange Frage: Was konnten wir bewahren, was können wir wieder heraufholen aus der Verschüttung? Der Sieburg, der so fragt, ist keine kontemplative Natur mehr, kein Beobachter, dem alles gefällt und der wie Lynkeus singen könnte: "Und wie mir’s gefallen, gefall’ ich auch mir." Er ist ein aktiver Mensch, ein Moralist, ein Warnender, Mahnender, Hoffender, Anklagender, Kämpfender – kurz: das, als was unsere Leser ihn hier kennengelernt haben.

Seine Sehfreudigkeit allerdings hat nicht nachgelassen. Die Schöpfung bietet sich ihm in immer gleicher Pracht dar. Der Krokus und die Herbstzeitlose widerlegen jeden Pessimismus, der der Verzweiflung entspringen will. C. E. L.