Österreich ist Wien; jedenfalls kulturell. Auch die heutigen Komponisten Österreichs haben meist ihr Domizil in der alten Kaiserstadt. Sie ist schon lange nicht mehr natürlicher Mittelpunkt eines Hinterlandes, dessen schöpferische Lebensströme dem Herzen zufließen. Aber auch heute spürt man noch jenes zur Gestaltung drängende "Espressivo"‚ das die Stadt einst zur Musikmetropole der Welt gemacht hat. Ein "Espressivo" verschiedenster Willensrichtung: von Joseph Marx bis Anton Werbern.

Arnold Schönbergs Kompositionsweise mit den zwölf gleichberechtigten Tönen hat auch in Wien einen vorläufig unabsehbaren Widerhall gefunden. Der siebzigjährige Joseph Matthias Hauer erleidet das Schicksal eines vergessenen Erfinders. Seine unabhängig von Schönberg entwickelte Reihentechnik drängt er immer mehr in den Dienst einer Art kosmisch kreisender Sphärenmusik ab, die heute der Klangwelt eines Brahms merkwürdig nahekommt, und zwar des Brahms der Intermezzi; denn Hauer schreibt fast nur noch für Klavier. Noch unmittelbar der "Wiener Schule" Arnold Schönbergs gehören Hans Erich Apostel und der Autodiktat Hanns Jelinek an. Apostel ist der einzige echte Expressionist der Wiener Musikgegenwart, aber auch Jelineks strengere Zwölftonmusik steht, abgesehen von vielen Stücken seines umfangreichen "Zwölftonwerkes", im Zeichen eines oft geradezu pathetischen Espressivo. Gerade bei Jelinek zeigt sich aber auch schon die Loslösung von der Zwölftondoktrin: die freiere Handhabung des neuen Gesetzes beginnt. Aufschlußreich auch, daß zwei Begabungen der jüngsten Generation, Josef Garai und Michael Gielen (Sohn des Burgtheaterdirektors Josef Gielen), wie neuerdings auch der Salzburger Cesar Bresgen in einem Klavierkonzert, Zwölftonmusik schreiben.

Ähnlich dem Bühnenwerk Franz Schrekers, das einmal ungeheuerlich überschätzt wurde, ist heute das europäische Werk seines Schülers, des Auslandsösterreichers Ernst Krenek, nahezu der Vergessenheit anheimgefallen. Gewiß nichtzufällig geben sich Křeneks spätere Zwölftonwerke puritanisch-abstrakt und vermeiden jedes auch innere Espressivo. Eine umgekehrte Entwicklung nahm Egon Wellesz, der bei Schönberg begann, um schließlich, zweifellos unter dem Einfluß des englischen Musikideals, in durchaus neuromantischeSphären hinüberzuwechseln. Eine unabhängige starke Persönlichkeit blieb Ernst Toch, der Wien sehr früh verließ und auf eigene Weise den Anschluß an die "große" Musik fand, wie seine beiden jüngst entstandenen und in Wien heraufgekommenen Symphonien beweisen.

Die Tragik Wiens als schöpferischer Musikmittelpunkt besteht darin, daß nach der Emigration mancher seiner bedeutenden Komponisten fast nur die Vertreter eines entschiedenen Traditionialismus zurückblieben. Infolgedessen nahmen hier in ihrer Art bedeutungsvolle, aber außerhalb Wiens kaum bekannte Werke, wie die vier Symphonien Franz Schmidts oder sein Oratorium "Das Buch mit sieben Siegeln" oder auch die impressionistisch-programmsinfonischen Orchesterwerke von Joseph Marx zeitweise die Stelle ein, die andernorts den Werken der radikalen Moderne vorbehalten ist. Egon Kornauth und vor allem der vor kurzem verstorbene Felix Petyrek gelangten freilich auch auf neuromantischen Wegen zu persönlicher Aussage.

Die wichtigsten Schüler Franz Schmidts sind Alfred Uhl und Theodor Berger. Uhl führt, immer deutlicher, die eigentliche Traditionslinie fort; Berger hingegen verbindet österreichische Klanglichkeit mit einer kräftigen, von Strawinsky genährten Rhythmik. Aus der Generation der Dreißigjährigen ist einer erwähnenswert: Anton Heiller, der gleich Berger auch polytonale Schichten in ein motorisch bewegtes Musizierbild einflicht. Ein anderer Name ist wichtig, zumal er noch manche Entwicklungsmöglichkeit offenläßt: Gottfried von Einem. Von Berger abgesehen, ist er der einzige unter den jüngeren in Österreich lebenden Komponisten, der sich jenseits jeden Traditionalismus, aber auch jeden Nationalismus bewegt. Natürlich steht auch er nicht im "luftleeren Raum", ohne Verbindung zur Vergangenheit. Schließlich ist noch eines Österreichers zu gedenken: Johann Nepomuk Davids, der ganz in die deutsche Musikgegenwart hineingewachsen ist.

So bietet sich die Situation der heutigen österreichischen Musik kaum in deutlich erkennbaren Linien dar, vielmehr hauptsächlich in zwei gegensätzlichen Strängen, deren ausgleichende Mitte einstweilen fehlt. Hans Rutz