Wo steht das deutsche Fernsehen?

Von Wolfgang Ebert

Eine offenbar etwas verunglückte Sonnenblume. In ihrem Kelch steht: NWDR, darüber "Fern", darunter "Sehen". Das ist das Sendezeichen. Allabendlich gegen acht, erscheint es auf dem Bildschirm von ungefähr 5000 Fernsehempfängern. Von diesen Apparaten wurden etwa 2000 zu Versuchszwecken aufgestellt, der Rest gekauft. Das billigste Gerät kostet im Augenblick noch 1250 DM. Wer dies Geld zur Anschaffung nicht aufbrachte und trotzdem fernsehen will, muß zu Freunden gehen, die ein Gerät besitzen. Ich ging in eine der wenigen Fernsehstuben. Eine Woche lang war ich dort ständiger Gast.

Es begann an einem Freitagabend. Drei Meter von mir stand auf einem kleinen Podest ein Kasten, massiv, geheimnisvoll und mahagonyfarben. In seiner oberen Hälfte war ein gläsernes Rechteck –: der Bildschirm. Das Sendezeichen verschwand... eine junge hübsche Dame lächelte mir verheißungsvoll entgegen. Eigentlich sollte sie das Programm ansagen, aber mir kam es vor, als wollte sie mir irgend etwas andrehen, vielleicht Seife, Ab und zu schielte sie nach unten, anscheinend hielt sie dort die Seife verborgen. Aber es war nur das Manuskript ihrer Ansage.

Die junge Dame macht es kurz. Dann beginnt das Programm. Zunächst eine Tagesschau. Sie ähnelt der Wochenschau aus den Kinos, nur werden die einzelnen Episoden breiter, epischer dargeboten. Diese Tagesschau, kann besonders aktuelle Ereignisse rascher zeigen als die Wochenschau. Darum sind auch die Wochenschau-Firmen bei der Überlassung von Bildmaterial sehr zurückhaltend, und das Fernsehen wird gezwungen sein, eigene Kameraleute einzusetzen. Vor allem aber wird das Fernsehen anstreben, aktuelle Ereignisse direkt zu übertragen, die Teilnehmer also wirklich fernsehen zu lassen.

Bleiben wir bei dem Programm jenes Freitagabends. Nun, ich habe an sich nichts dagegen, belehrt zu werden. Wie ist das zum Beispiel mit dem Wetter? Genügt es, wenn man merkt, daß einem der Regen in den Kragen rinnt? Die Fernsehleute meinen: es genügt nicht! und weil sie deutsche Fernsehleute sind und also gründlich, zeigen sie, warum es regnet, wenn es regnet. Ein freundlicher Herr, von dem man allerdings kaum mehr als die Nasenspitze erhaschen kann, malt auf einer Wetterkarte Kringel. Hier, über Moskau, steht ein Hoch und dort, über Irland, ein Tief. Und nun rücken die beiden aufeinander los... So genau wollten wir Fernsehstuben-Besucher diese Belehrung an einem Freitagabend gar nicht haben

Zuschauer dürfen nicht müde werden