J. R., Amsterdam, im Mai

Viel Wasser, ist aus der Scheide und dem Rhein in den letzten neun Jahren in die Nordsee geflossen, aber der in einer Periode politischer Hochstimmung und gemeinschaftlicher moralischer Interessen von den holländischen und belgischen Regierungen unterzeichnete Pakt über die Schaffung einer Zoll- und Wirtschaftsunion scheint jetzt weiter als je von seiner Verwirklichung entfernt zu sein. In der letzten Zeit wurde es beiden Seiten ganz deutlich, daß es mit gutem Willen und zoll- oder wirtschaftspolitischen Sondermaßregeln allein nicht getan ist, da ausschließlich eine grundlegende und umfassende Änderung und beiderseitige Anpassung der herrschenden sozialwirtschaftlichen Konzeptionen die angestrebte wirtschaftspolitische Vereinheitlichung gewährleisten kann. Der Unwille der belgischen Industrie, das "Lohndumping" der Holländer am heimischen Markte hinzunehmen, der unzerbrechliche Widerstand des mächtigen belgischen Bauernbundes (Boerenbond) gegen jeglichen Plan (einschl. den "Grünen Pool" Europas), wodurch der rationeller erzeugende holländische Landwirt die Verwaltungs-Einfuhrhindernisse im südlichen Nachbarlande leicht "nehmen" könnte, und anderseits die starre und sehr orthodoxe Wirtschaftslenkung und Reglementierung von Finanzen und Krediten in Holland, konnten bisher in keiner Weise durch die immer wieder hastig zusammengebrachten Ministerkommissionen der Benelux gemildert werden. Im Gegenteil: je mehr Konferenzen, desto deutlicher wird die Unversöhnlichkeit der Gegensätze.

Wie kommt nun die Benelux aus der Sackgasse? Nüchterne Dinge muß man nüchtern betrachten. Die Frage dreht sich einmal darum, ob die teilnehmenden Länder in der Tat komplementäre Belange in – und hierdurch auch ein vitales Bedürfnis nach – einer wirklichen Zollunion und einer sich hieraus folgerichtig entwickelnden wirtschaftlichen Verschmelzung haben. Mit anderen Worten: cui bono? Zweitens: können Wandlungen im beiderseitigen Wirtschaftsgefüge in den nächsten Jahren diese Belange und Bedürfnisse überhaupt auf einen anderen Plan schieben?

Als der Pakt von 1944 geschlossen wurde, konnte angenommen werden, daß das an zahlreichen wichtigen Stapelerzeugnissen so reiche Indonesien im holländischen Wirtschaftsbereich verbleiben würde. Gleichzeitig galt es damals, den an sich vielversprechenden belgischen Kongo auf eine Weise zu entwickeln, wie es die an tropischlandwirtschaftlicher Erfahrung und Technik so geschulten holländischen "Cultuur"-Unternehmungen meisterlich getan hatten. Anderseits schien es damals, als ob die beiden Mutterländer in Europa selbst dauernd dem überlieferten "Gesetz" folgen würden, "nach dem sie angetreten" waren. D. h. Holland würde sich zum Handelsland, Belgien dagegen zu einem noch stärkeren industriellen Produzenten entwickeln als vorher, und es würden dann auch in dieser Hinsicht eine gesündere Arbeitsteilung und ein auf höherer Stufe zusammenfassendes Organ ausgleichend wirken. Man dachte noch einige Jahre nach Kriegsende an die Schaffung sogenannter supernationaler Organe mit verordnender Befugnis für beide Länder.

Die Losreißung Indonesiens vom Mutterlande, die in den ersten Nachkriegsjahren anhaltende Kapitalknappheit in Holland (die Investitionen im Kongo verhinderte), die in Holland mit allen staatlichen Mitteln zum Zwecke des Auffangens der starken Bevölkerungszunahme geförderte Industrialisierung (die sich scharf gegen die belgische Textil- und Schwerindustrie wandte), und anderseits die im Rahmen überschüssiger Finanzen (Handels- und Zahlungsbilanz) geförderte belgische Handelstätigkeit unter Kreditgewährung und langen Zahlungszielen (Swings) auch an Holland – alles Dinge, worauf wir hier wegen der Kürze nicht eingehen können – brachten indessen neue evolutionäre Änderungen des ursprünglichen Beneluxschemas. Es wird nun begreiflich, daß die holländische Regierung augenblicklich bestrebt ist, das abgewandelte Grundschema im Rahmen der bereits in der letzten Ministerkonferenz in Rom unterbreiteten (jedoch dort vorerst kühl aufgenommenen) Vorlage einer gesamteuropäischen Zollunion funktionsfähig zu machen. Der Haag ist gerade dabei, seinen gesamteuropäischen Zollplan weiter auszuarbeiten....