Als die Deutsche Bundesbahn vor zwei Jahren das neue Netz der schnellen Verbindungen durch die F-Züge schuf und dieses auf die 2. Wagenklasse beschränkte, lagen dieser Beschränkung keineswegs Erwägungen einer geringeren Achtung der Fahrgäste 3. Klasse zugrunde. Vielmehr schrieben technische Gründe zwingend eine Beschränkung dieser Züge auf die 2. Wagenklasse vor, weil die angestrebten Geschwindigkeiten lediglich kurze Züge gestatteten. Der ausgesprochene Massenverkehr mußte also ferngehalten werden. Tatsächlich fährt die Mehrzahl dieser Züge auch heute noch mit zwei Reisewagen, wenngleich der starke Verkehr auf einigen Strecken die Zuglänge auf drei Wagen ausgedehnt hat. Bei Spitzenverkehr werden sogar vier Wagen mitgeführt. Aber auch diese verstärkten Züge würden nicht einem Verkehrsstrom genügen, wie er in der 3. Klasse zu erwarten ist.

Von Anfang an bestand die Absicht, zum gegebenen Zeitpunkt auch ein schnelles Netz für die Reisenden der 3. Klasse zu schaffen. Die ausgezeichneten Erfolge des F-Netzes haben diese Absicht ständig verstärkt. Die Durchführung war jedoch von der Schaffung gewisser technischer Voraussetzungen abhängig. Insbesondere mußten leichtere Zuggarnituren beschafft werden. Dabei war der Herabdrückung des Wagengewichtes eine enge Begrenzung gesetzt, wenn nicht der Lauf dieser Wagen mit zu niedrigem Eigengewicht bei den hohen Geschwindigkeiten zu unruhig werden sollte. Man mußte ein günstigeres Verhältnis zwischen dem Gewicht der Wagen und der Zahl der beförderten Personen dadurch schaffen, daß man das Fassungsvermögen der Wagen vergrößerte. Dazu waren vollständig neue Wagenkonstruktionen nötig. Die Haltezeiten auf den Bahnhöfen mußten durch entsprechend durchgebildete Einstiege abgekürzt Verden. Über diese Vorbereitungen sind nunmehr zwei Jahre vergangen; jedoch seit Inkrafttreten des neuen Fahrplans am 17. Mai ist ein umfassendes Netz von Leichtschnellzügen verfügbar.

Das neue Netz umfaßt insgesamt 45 Zugpaire. Dabei handelt es sich überwiegend um Eilzüge, jedoch sind teilweise auch D-Züge und S-Züge eingebaut worden. Zum größten Teil werden bisher bestehende Verbindungen erheblich beschleunigt. Im gesamten Netz wurden gegenüber den gegenwärtigen Zeiten täglich 35 Reisestunden gewonnen, das ist eine durchschnittliche Beschleunigung der Züge um 8,8 v. H. Die Spitzenbeschleunigungen, die hauptsächlich durch Verkürzungen der Zwischenaufenthalte erreicht werden, liegen jedoch beachtlich darüber. Eine 360 km lange Verbindung von Braunschweig über Kassel nach Frankfurt wird z. B. nunmehr 92 Minuten schneller gefahren, und eine fast ebenso lange Verbindung von Kassel nach Trier wurde um 119 Minuten beschleunigt. Wichtige Verbindungen, wie z. B. von Frankfurt nach Dortmund, Freiburg oder München, erhielten Beschleunigungen von 60 bis 80 Minuten. Der neue Fahrplan bringt also für die Gäste der Bundesbahn sehr erhebliche Zeitersparnisse.

Der wirtschaftliche Nutzen wird insbesondere für den Geschäfts- und Berufsreisenden wichtig sen. Diese Vorzüge haben auch bereits dem F-Netz seine wachsende Anerkennung gesichert. Das neue schnelle

Netz bringt insofern einen weiteren wesentlichen Fortschritt, als nunmehr wesentlich schnellere Verbindungen im Bezirksverkehr während der frühen Morgen- und späten Abendstunden geschaffen sind. Die Fahrpläne der Fernzüge wurden auf die Bedürfnisse der Abgangs- bzw. Zielbahnhöfe eingestellt. Daher sind die Verbindungen zwischen Städten auf dieser Strecke manchmal nicht sehr günstig. Das neue Netz dient daher bevorzugt diesen bisher im Schatten der großen Fernzüge liegenden Verbindungen. Der Geschäftsreisende im Bezirksverkehr wird also jetzt wesentlich günstiger in den Morgenstunden von seinem Heimatort auch über längere Strecken seinen Zielort so zeitig erreichen, daß er fast den vollen Arbeitstag dort verfügbar hat. Umgekehrt wird er nunmehr weit mehr als heute die Tagesstunden für seine geschäftlichen Arbeiten ausnützen können, weil er noch nach 17 Uhr selbst Entfernungen bis zu 400 km – teilweise sogar noch etwas mehr – zurücklegen kann und trotzdem noch vor Mitternacht zu Hause ist.

Das neue Netz wendet sich zwar überwiegend an die Reisenden der 3. Wagenklasse, jedoch führen die Züge auch die 2. Wagenklasse mit. Eine weitere wesentliche Verbesserung des Verkehrs ist darin zu sehen, daß nicht nur die D-Züge, sondern auch die Eilzüge dieses Netzes Speisewagen mit sich führen. Dies bedeutet gegenüber den bisherigen Speiseabteilen in diesen Zügen einen ganz wesentlicher Fortschritt. Dieser konnte dadurch geschaffen werden, daß ein Teil der Wagen zur Hälfte als Speisewagen mit vollständiger Küche eingerichtet wurde, während die andere Hälfte Reiseabteile enthält.

Mit dem neuen Netz der Leichtschnellzüge leistet die Bundesbahn zweifellos einen großen Beitrag zur besseren Wirtschaftlichkeit des Verkehrs.

Natürlich erhofft die Bundesbahn auch für sich eine Besserung der wirtschaftlichen Erträgnisse. Sie erwartet durch diese Neuerung eine abgemessene Steigerung bei den Einnahmen des Personenverkehrs. Daß darüber jedoch die Rationalisierung des eigenen Verkehrs nicht vergessen wird, zeigt die Tatsache, daß die Wagenausnutzung in dem neuer Netz 700 km je Tag beträgt, während man bisher eine durchschnittliche Ausnutzung im D- und Eilzugverkehr von etwa 350 km als durchaus normal ansah. Gustav Plum