Die Stadt Kehl ist wieder in deutsche Verwaltung übergegangen. Die Pläne, sie zu einen Brückenkopf des französischen Sicherheitskomplexes zu machen, sind lange schon begraben. In den endlich geräumten, aber zum Teil noch schrecklich verschmutzten oder demolierten Häusern beginnt sich die Hoffnung zu regen, daß Kehl eines Tages vielleicht wieder Brücke der Verständigung werden könnte.

Im Washingtoner Abkommen von 1949 war die stufenweise Freigabe der Stadt vereinbart worden. Über die Zahl dieser Räumungsabschnitte sind sich allerdings die Sachverständigen offenbar noch nicht einig. Jedenfalls wurde aber der Termin für die Übergabe der Stadt in deutsche Verwaltung pünk:lich eingehalten. Von den 12 000 Deutschen, die vor der Räumung in der Stadt gewohnt hatten, sind inzwischen die meisten wieder zurückgekehrt. Eine große Zahl der besten Häuser ist noch von den Franzosen beschlagnahmt, und im Hafen gefällt sich die aus allen Rheinstationen dorthin konzentrierte französische Flottille in Aufgabenstellungen mit Zielen aus versunkener Zeit. Der Hafenumschlag hat ungefähr wieder 40 vom Hundert seiner Vorkriegshöhe erreicht. Die Schweiz, mit ihrem leistungsfähigen Konkurrenzhafen Basel, enttäuscht wohl manche Kehler Erwartung. Wichtig für die Kehler ist die Frage, ob die Saarkohle auf dem Wasserwege oder per Achse befördert werden wird. Zur Zeit blüht in der Stadt das Baugewerbe, und man braucht auch Möbel und Wäsche und Kleider, so daß die Gelder rollen, die von Bonn und Stuttgart in die Stadt kommen.

Aber für die Zukunft erhebt sich die bange Frage, ob sich rechtzeitig eine entsprechende Industrie in der Stadt ansiedeln wird ... Das wird um so eher der Fall sein, je weniger von der angeblichen militärischen Bedeutung der Stadt die Rede sein wird. R. S.