Für die Unabhängigkeit des Richters ist seine soziale Stellung von nicht geringer Bedeutung. Die Würde des Richteramts muß einigermaßen in der Lebenshaltung des Richters zum Ausdruck kommen, die notwendige Freiheit seines Denkens setzt die Freiheit von täglichen Sorgen voraus. An einer solchen sozialen Stellung fehlt es bei uns. Der deutsche Vertreter mußte mit Bedauern feststellen, daß in den auf dem Kongreß vertretenen Ländern, eines vielleicht ausgenommen, die Richter eine gesellschaftlich weit mehr geachtete Stellung einnehmen als bei uns. Eine schlimme Folge davon ist, daß bei uns hervorragende Nachwuchskräfte sich nicht leicht dem doch vornehmsten juristischen Beruf, dem des Richters, zuwenden, sondern besser bezahlte Stellungen, insbesondere in der Wirtschaft suchen. Aus diesem Grunde kämpfen die deutschen Richter zäh um die Verbesserung ihrer Besoldung.

Zu der durch äußere Maßnahmen zu schützenden Unabhängigkeit muß auch die innere Unabhängigkeit jedes einzelnen Richters kommen, seine seelische Bereitschaft, ohne Furcht vor Anfeindungen und Nachteilen, von einer höheren Verantwortung erfüllt, das Recht zu suchen und sein Urteil auszusprechen. Das ist die Frage der Auswahl echter Richterpersönlichkeiten.

Der Kongreß bot ein harmonisches Bild des Strebens hoher Richter, mit allem Ernst auf ihrem Gebiet an der Verwirklichung der alle freien Völker verbindenden Rechtsidee mitzuarbeiten. Die Bedeutung der Tagung, die von einer ungemein liebenswürdigen Gastfreundschaft umrahmt war, wurde betont durch den Empfang, den der Präsident der Französischen Republik, M. Vincent Auriol, den Delegierten im Elysée-Palast in Paris in Gegenwart hoher französischer Persönlichkeiten gab. In einer sehr warmherzigen Rede, die auf alle Teilnehmer einen tiefen Eindruck machte, würdigte er die entscheidende Bedeutung der Justiz für jedes demokratische Staatswesen. Er schloß mit den Worten: "Für uns ist die Justiz eines der Fundamente des sozialen Friedens, sowohl in jeder Nation als im Weltfrieden. Deshalb ist es notwendig, daß die Richter unter allen Umständen sachkundig, unabhängig und nur dem Gewissen unterworfen sind. Wissen und Gewissen sind, wie Viktor Hugo sagt, die nicht wegdenkbaren Eigenschaften der Justiz".