Die Ende 1952 gegründete "Union der Industrien der sechs Schumanplan-Länder" traf sich kürzlich in Köln zu einer Arbeitstagung, um aktuelle europäische Fragen zu erörtern. Die Tagung stand unter der Leitung des Vizepräsidenten der Confederazione Generale dell’Industria Italiana, Quinto Quintieri, des Präsidenten der Industrie-Union, und ihres Vizepräsidenten, M. Bekaert, der seinerseits Präsident der Föderation des Industries Belges ist (die beiden genannten Verbände sind sozusagen die Schwesterorganisationen des unter der Präsidentschaft von Fritz Berg stehenden Bundesverbandes der deutschen Industrie).

Obwohl die neue Union erst sieben Monate besteht, darf von ihr wohl gesagt werden, daß sie ein weiteres wichtiges Glied zur Integration Europas werden kann. Sie soll nicht nur ein neues Diskussionsforum bilden, sondern ein Koordinierungsorgan für die (nicht nur die Grundstoffindustrien umfassenden) Spitzenverbände der Industriewirtschaft des Kontinentes werden.

Die Kölner Tagung hatte sich bereits mit einigen recht realen Punkten zu befassen. Es wurde über die Auswirkungen des EVG-Vertrages auf die einzelnen nationalen Industrien gesprochen und eine Verständigung darüber gefunden, wie diese Aufträge sinnvoll aufzuteilen wären. Die Privatwirtschaft einigte sich darauf, keine neuen Kapazitäten zu schaffen, sondern nur da zu produzieren, wo bereits Werkhallen und Facharbeiter für die verschiedenen "Rüstungsgüter" vorhanden sind.

Ferner berieten sich die außerhalb der Grundstoffindustrien liegenden Wirtschaftszweige darüber, in welcher Form (und mit welchen Männern!) sie Gehör bei der Montan-Union finden könnten. Mit Recht stellte Fritz Berg in einem Gespräch mit der Wirtschaftspresse fest, daß der politischen Inegration Europas, wie sie in Straßburg auf der poltischen Basis und in Luxemburg auf einer politischwirtschaftlichen Grundlage angestrebt wird, eine harmonisierende Integration der gesamten Industriewirtschaft zur Seite gestellt werden. müsse. Eines der großen Anliegen gruppiert sich daher um die Frage: Wie kann die Unternehmerwirtschaft in die Montan-Union eingeschaltet werden, da es do-t viele theoretisierende Sachverständige und zuwenig Praktiker gibt? Die Spitzenvertretungen der sechs europäischen Industrieverbände haben nämlich den Eindruck, daß in der Montan-Union die Auswirkungen der dort zur Koordinierung der Grundstoffindustrien getroffenen Maßnahmen an die gesamte übrige Industrie noch nicht ausreichend geprüft würden. Die Gesamtwirtschaft sei aber mehr oder weniger von Kohle, Eisen und Energie und damit von der "Steuerung" der Montan-Union abhängig.

Je stärker die Montan-Union in das Wirtschaftsleben des Kontinentes eingreift, um so schneller wachsen ihre Aufgaben und ihre Verantwortung. Wenn in dem neuesten Bericht der Hohen Behörde warnend der Finger erhoben wird, und wenn da der vieldeutige Satz zu lesen ist: Die Unternehmerwirtschaft behalte ihre Verantwortung für die Durchführung der erforderlichen Maßnahmen der Montan-Union, "sie kann hiervon in keiner Weis entbunden werden" – so hat auch die Mahnung des Unions-Präsidenten Quinto Quintieri an die Adresse der Hohen Behörde als Rückantwort gleichen Wert: "Wenn die Politiker einen Fehler machen, dann bezahlen sie es nicht persönlich. Aber wenn wir Wirtschaftler einen Fehler machen, dann bezahlen wir es selbst, und mit uns unsere Belegschaften."

Diese beiden Warnsätze an die gegenseitigen Adressen kontrastieren offenherzig die Startverschiedenheiten beider Unionen, aber auch ihr gutes gemeinsames Ziel. Pierre Ricard, Vizepräsident von Conseil National du Patronat François und Präsident der Commission des Questions Economiques Internationales, zugleich Präsident der französischen eisenschaffenden Industrien, versicherte anläßlich des Pressegespräches, daß die "Union der Industrie" ihre Erörterungen im Geiste der Schumanplan-Idee führe. Präsident Fritz Berg kommentierte das mit den Worten: "Die Montan-Union wird wie ein Wirtschaftsministerium arbei. ten müssen, in dem zwar nur Kohle- und Eisen-Ressorts sind, wo aber dennoch die gesamte Wirtschaftsentwicklung der sechs Unionsländer im Auge behalten werden muß."

Dieses Überblickes wegen wünscht die Union den Industrien einen gewissen Einfluß auf die Entscheidungen der Montan-Union nehmen zu können. Zur Zeit ginge das nur über den Beratenden Ausschuß, wo die nationalen Industrien gehört werden. Darüber hinaus aber sollte noch ein Weg gefunden werden, zur "supranationalen Meinung" der Hohen Behörde eine gemeinsam erarbeitete und insofern auch "supranationale" einheitliche Auffassung der Industriellenverbände als Gegenpol zu schaffen ... nicht im Sinne eines Kontrastes, sondern als "das andere Ende", an dem eine "europäische Achse" ihre Bettung findet. Insofern möchten wir der "Union der Industrien" eine ähnliche Wichtigkeit zuerkennen wie der Montan-Union. Ihr Grundsatz ist nicht, weitere Teilintegrationen zu forcieren, sondern die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in das Magnetfeld der Montan-Union sinnvoll einzuordnen. Reichelt