Der österreichische Außenminister Dr. Karl Gruber gehört zur Equipe 1945. Als sich die neue Mannschaft der österreichischen Politik damals zusammenfand, waren Männer dabei, die schon vor 1938 eine bedeutende Rolle gespielt hatten – wie zum Beispiel der erste Bundeskanzler und spätere Bundespräsident Dr. Renner. Andere hatten – wie etwa der langjährige Bundeskanzler der "zweiten Republik", Ingenieur Figl – Jahre in politischer Gefangenschaft verbracht. Dr. Gruber, der zum Jahrgang 1909 gehört, war im Augenblick des Anschlusses noch zu jung gewesen, um eine bedeutende politische Position innezuhaben. So gehörte er 1945 weder zur ersten noch zur zweiten Garnitur. Er war ein unbekannter neuer Mann, der einzig und allein dank seiner Persönlichkeit in den Vordergrund kam.

Gruber ist hochgewachsen, breitschultrig, er hat ein charmantes Lächeln, und die Wienerinnen bezeichnen ihn als schönen Mann. Das ist aber keineswegs alles. Denn der junge österreichische Außenminister hat die von der Natur nicht allzu oft verteilte Gabe, gewisse historische und politische Tatsachen zu durchschauen und gültig zu formulieren. So hat er frühzeitig erkannt, daß es unmöglich sein würde, Deutschland auf die Dauer in einer untergeordneten Position zu halten. Bereits 1940 – er lebte damals als Angestellter von Siemens in Berlin – hielt Gruber, der der Überzeugung war, daß Hitler den Krieg verlieren müsse, daran fest, "daß einem Verhältnis der Über- und Unterordnung zwischen Nationen auf die Dauer keine Stabilität innewohnen kann, da jedes Abhängigkeitsverhältnis revolutionäre Kräfte auslöst, die den Bestand, einer solchen Ordnung gefährden". Das ist ein Satz, der fast bei Jacob Burckhardt stehen könnte.

Gruber, der kurz vor Kriegsende wieder in seiner Tiroler Heimat auftauchte, wurde 1945 Landeshauptmann in Innsbruck. Als dann die ersten Nachkriegswahlen der (katholischen) österreichischen Volkspartei einen großen Erfolg brachten, zog er als Außenminister auf dem Ballhausplatz ein, wo ihm zunächst die schwierige Aufgabe gestellt war, erst einmal wieder einen außenpolitischen Apparat neu aufzubauen. Wie mancher Außenseiter zeigte er anfänglich ein gewisses Vorurteil gegen die alten Berufsdiplomaten – "keine Grafen in die Diplomatie", soll er damals gesagt haben –, aber er verstand bald, daß bei der geringen Zahl der überhaupt zur Verfügung stehenden Männer nicht auch noch unter diesem Gesichtspunkt Auslese getroffen werden konnte.

Seither hat sich Gruber als einer der aktivsten Männer der österreichischen Politik bewährt, und zwar an Aufgaben, an denen ein konventionellerer und weniger eigenständiger Mann als er in der schwierigen Außenpolitik des vierfach besetzten Landes möglicherweise gescheitert wäre. Den Balanceakt zwischen westlicher und östlicher Welt zu bestehen, zu dem die Wiener Regierung seit Jahren gezwungen ist, erfordert gerade in diesem Ressort Wendigkeit und dennoch Konsequenz. Auch an der letzteren hat es Gruber niemals fehlen lassen. Er ist es, der immer wieder neue Vorstöße unternommen hat, um den Abschluß des Staatsvertrages zu erreichen, der endlich die Unabhängigkeit Österreichs wieder herstellen soll. Darum gilt er auch den Sowjets mehr als jeder andere österreichische Minister, als der Mann des Westens. Gleichwohl sind ihre Beziehungen zu ihm korrekt, ja, nicht unfreundlich.

Was die große politische Linie betrifft, so hat Gruber bereits in seiner Berliner Zeit die Bausteine zusammengetragen. In einer dort entstandenen Studie ("Politik der Mitte", Europa-Verlag, Zürich) hat er die Unhaltbarkeit des nationalstaatlichen Souveränitätsbegriffs herausgearbeitet. "Die Auffassung von der Untastbarkeit staatlicher Souveränität", schrieb erdamals, "muß abgelöst werden von der echten christlichen Universalität des Rechtes und von der Solidarität der Völker." Hier ergibt sich ganz zwanglos ein Zusammenklang mit der Politik der Bundesrepublik, so heikel auch nach den Vorgängen der letzten fünfzehn Jahre und unter dem Druck der besonderen Lage Österreichs die Beziehungen zu Deutschland geblieben sind. Genau genommen aber sind es nur Sachprobleme, in denen heute noch Schwierigkeiten bestehen. Darunter befindet sich vor allem die Frage des deutschen Eigentums in Österreich, die zu klären Dr. Gruber mehrfach den Willen bekundet hat. Aber Österreich ist in seinen Entscheidungen nicht frei, ihm sind Rücksichtnahmen sowohl gegen die Sowjetunion wie gegen die westlichen Großmächte auferlegt. Daß im Wiener Alliierten Rat immer noch alle vier um einen Tisch sitzen, hat manchen Vorteil für die Existenz des Landes mit sich gebracht hat, aber auch manches Handicap.

In Deutschland wird der temperamentvolle Mann aus Wien jedenfalls aufs herzlichste begrüßt werden. An Verständnis für die österreichischen Probleme fehlt es hier nicht. H./M.