Auch der Ruhm ist in unserer Zeit anfällig für Verführung geworden. Er nimmt sich des Übeltäters lieber an als des Wohltäters. "Was ‚ein Quisling‘ ist, weiß jeder; wir wollen etwas dazu tun, daß auch jeder weiß, was ‚ein Berggrav‘ ist", sagte Professor Bruno Snell, der Rektor der Hamburger Universität, bevor er Medaille und Urkunde des Hansischen Goethepreises für 1953 an den Primas von Norwegen, Bischof Eivind Berggrav, überreichte. Vorher hatte er noch eine charakteristische Episode erzählt: Quisling, soeben von Hitler in die Macht gehoben, läßt Bischof Berggrav festnehmen und’sich vorführen. "Euch allen", fährt er ihn an, "müßte man die Köpfe abschlagen!" Und Berggrav antwortet gelassen: "Nun, ihr könnt mit mir anfangen. Mich habt ihr ja." Er wurde in jahrelangem Hausarrest scharf überwacht und schrieb doch heimlich unter den Augen der Wächter, die jederzeit Henker werden konnten, sein Buch "Der Staat und der Mensch", in dem er die Praxis der Tyrannen, die Macht vor Recht gehen lassen, als unausweichliche Konsequenz der Absetzung Gottes ableitete. So handelt "ein Berggrav", wenn er es mit "einem Quisling" zu tun bekommt.

Und dann betrat der also Beschriebene die Rednertribüne, das goldene Kreuz an der Kette über dem schwarzen Rock. Nüchtern, unfeierlich, gesammelt, bisweilen sarkastisch. "Ich bekam einen Schreck, als ich las, ich würde die Festrede über ‚Religion und Recht‘ halten. Nun also, hier ist sie." Die Professoren der Juristischen Fakultät wiegten mehrmals schmunzelnd die Häupter über ihren steifen weißen Halskrausen und ihrem roten Samtkragen, als der Bischof mit ihnen rechtsphilosophisch ins Gericht ging. Er erzählte einen für ihre Zunft in der Tat blamablen Hergang: Als die Völkerrechtler der UNO die Konvention über die Menschenrechte entwarfen, legten sie eine klassische Urkunde, die amerikanische Declaration of Rights von 1776, zugrunde. Den Einleitungssatz, daß die Menschenrechte den Menschen "von Gott verliehen" seien, wagten sie aber nicht aufzunehmen. Denn inzwischen war ja Gott abgesetzt, und auch die Sowjets sollten doch gern unterschreiben. Die UNO-Juristen wählten nun die Formel: Die Menschenrechte seien den Menschen "von der Natur verliehen". Als aber Berggrav sie darauf aufmerksam machte, daß die "Natur" ja auch die Pseudo-Gottheit sei, auf die sich die Tyranneien berufen, da lenkten die Juristen abermals ein und beschlossen, überhaupt keine Quelle für die Menschenrechte zu erwähnen. Nach Ansicht der UNO-Juristen sind also die Menschenrechte einfach dekretiert durch die UNO.

Stalin war nicht so zimperlich. Als 1932 – auch das erzählte Berggrav – die Diebstähle von staatlichem Getreide in der Sowjetunion überhand nahmen, erließ er ein Dekret, in dem es hieß, das Kollektiveigentum sei "heilig und unantastbar". Wörtlich so: heilig und unantastbar! Der Meisterbetrüger im Kreml wußte also noch, was die UNO-Juristen nicht mehr wissen: daß, wer die Menschen führen will, an eine elementare Macht in ihnen appellieren muß, daß der Name für diese Macht nach wie vor in der ganzen Welt (nicht nur in der christlichen) "das Heilige" ist und daß sich ein Rechtsgefühl nur einstellen kann, wenn die Stimme des Heiligen in den Menschen (ihr "Gewissen") ein Echo findet in dem, was sie als höchste Macht über sich erkennen. Der Sowjetstaat hat das begriffen (auch Hitler begriff es) und hat darauf sein Trugsystem stabilisiert. Die westliche Welt, die sich gern die "freie Welt" nennt, hat es vergessen und muß es sich (auch darauf wies Berggrav hin) von Indern und Indonesiern in der UNO erst wieder ins Gedächtnis rufen lassen.

Die Größe Berggravs offenbart sich darin, daß er nicht die Restauration eines "christlichen Rechtssystems" fordert (das ja auf Offenbarung gegründet, doch nur ein "positives", also nicht vernünftig ableitbares war), sondern daß er von den Rechtstheoretikern verlangt, sie sollen sich um die moralische Wurzel des Rechts kümmern. Das allerdings tun sie sehr ungern. Doch das Beispiel des Norwegers, der gewiß kein Jurist ist, wohl aber ein Mann, dessen Rechtsphilosophie aus der Erfahrung seines heldenhaften Lebens stammt – dies Beispiel sollte sie ermuntern, der These von Berggrav einiges Nachdenken zu widmen: "Ohne Religion kein souveränes Recht." C. E. L.