Gian Paolo Callegari ist ein machtvoller Erzähler. Menschen will er darstellen, wie sie leibten und lebten. Probleme kümmern ihn nicht. Dabei wählt er nicht den leichten Weg: etwa eine Zeit des Glücks zu beschreiben oder eine Gesellschaft in unbeschwerter Freude. In den Dörfern des Barons Illuminato Fotis in Kalabrien leben arme Bauern, und wenn der ’großmächtige Herr auch fürstlich Hof hält, so ist er doch im Grunde der dürren und kargen Wurzeln seines Besitzes sich bewußt. Mehr noch: sein Besitz schwindet ihm unter den verschwendenden Händen dahin, wie seinem Freunde, dem König Ferdinand beider Sizilien, das Reich unaufhaltsam entgleitet, das sein Sohn Franz II. dann gegen Schluß des Buches an Garibaldis Freischärler verlieren soll.

Die Barone – dieser Roman von Gian Paolo Callegari (Classen-Verlag, Hamburg) – handeln in der Zeit, da das Ende des Köngreiches beider Sizilien naht, um die Mitte des vorigen Jahrhunderts.

Don Illuminato Fotis, ein Mann von mächtigem Leibesumfang, liebt die große Geste. Als er am Heiligen Abend mit seinen Freunden tafelt, versammeln sich im Nebensaal, wie jedes Jahr, seine Bauern und Lieferanten, um ihm Geschenke zu machen. Hühner und Zicklein mit zusammengebundenen Füßen liegen auf dem Marmorboden, und große Butterkugeln drücken die scheuen Bauern an ihre schmutzigen Röcke. Unter dem Geschrei der Tiere schenkt der angetrunkene Fotis seinen lieben und getreuen Untertanen Häuser, Ländereien und Gerechtsame, als sei er ein König, während der Ruin schon breit auf seinem Hause lastet.

Die Feindschaft zum Baron Basile Massafra hat Fotis dazu bewogen, die Gunst des Königs zu erproben. Das Schicksal ist ihm günstig. Ferdinand begnadigt einen Massenmörder, der auf Wunsch des Hauses Massafra hängen sollte. Als Fotis erfährt, daß sein Gegenspieler Männer gemietet hat, die den Mörder auf dem Transport nach Messina doch noch umbringen sollen, holt er ihn kurzerhand aus dem Gerichtsgefängnis in seinen Palast. Damit nicht genug, gibt er in großspuriger Weinlaune auf einem Höhepunkt des Buches den Mann vor den erschrockenen Gästen frei.

Aber Fotis ist gar nicht kraftstrotzender großer Herr, er spielt diese Rolle nur sich selber vor, so wie sein Knecht und Vertrauter Santo Martingalla ihm den getreuen Diener vorspielt, während er sich am Niedergang des Hauses Fotis verschlagen mästet. So geht es mit allen Gestalten des Romans. Donna Diamante, die Baronin, ein Muster von frommer Korrektheit, duldet schweigend die junge Maruzza, die Tochter, eines Kuhhirten, im Hause, die zugleich Geliebte ihres Mannes und seines Dieners Santo ist, ja, sie weiß, daß auch ihre schöne Tochter Mica den Santo Geliebten hat.

Das alles stellt Callegari mit unbefangener Freude an den Verworrenheiten der menschlichen Komödie dar. Er denkt nicht daran, es zum Anlaß zu nehmen, um über die Brüchigkeit des Daseins und seinen Ekel zu räsonieren. Gerade weil sie so widersprüchlich sind, so falsch und so aufrichtig zugleich, so mürbe und so kraftvoll wieder, so voller Schwachheit und Größe, liebt er seine Geschöpfe. Sie leben, und sie leben gern.

Ob Baron Fotis in einer Reisighütte fiebernd ruht, während draußen die Hirten seine riesigen Schafherden scheren, von deren Wolle ihm kein Gramm mehr gehört, oder ob er sich seiner Prachtherde von dreißig schwarzglänzenden Rindern freut, wie sie im Meer gebadet werden, jedes eine silberne Glocke um den Hals, oder ob die goldenen Früchte bei der Orangenernte die grünen Hänge sprenkeln, als seien die Sterne vom Himmel gefallen – das alles ist ein Loblied auf Armut und Reichtum des Lebens in einer strahlenden Landschaft.

Diese Landschaft des Romans ist südlich heiter. Schafschur und Orangeernte, das Blöken dichtgedrängter Rinderherden, die Geschäftigkeit in der Palastküche, die Feuer auf den Silabergen und der blaue Glanz des nahen Meeres, alles ist mit einer Leuchtkraft geschildert, die an die ländlichen Bilder der Odyssee erinnert. Peter Dreessen