Als es noch kein Magnetophonband gab und die meisten Sendungen direkt gesendet wurden ("life", wie man jetzt sagt), war es viel mehr als heute üblich, daß ohne Manuskript gesprochen wurde. Schon deswegen, weil es Leute geben mußte, die bei unerwarteten Verschiebungen im Programm einspringen konnten und weil es diesen Leuten Spaß machte, ihre Kunst des freien Sprechens auch sonst spielen zu lassen. Diese Freude am Freisprechen vor dem Mikrophon wurde zurückgeschraubt, seitdem das Magnetophonband zur Wiederholung so vieler Programmnummern verführte und dadurch das Honorar für den Improvisator einsparte. Heute geht es fast immer so: das Manuskript zu einer Sendung wird geschrieben, von geschulten Sprechern zu irgendeiner Zeit im Studio auf ein Band gesprochen und dann zu irgendeiner anderen Zeit von diesem Band gesendet. Der Betrieb funktioniert reibungsloser, aber die Sendungen wirken leicht wie Konserven, denen die Vitamine fehlen. Die manuskriptfreie Wortsendung, früher die Regel, ist jetzt zur Ausnahme geworden. Immerhin — es gibt Ausnahmen! Die Sendereihe des Süddeutschen Rundfunks Vom Hundertsten ins Tausendste", die bei Wein und Zigarren jeweils in der Wohnung eines bemerkenswerten Gastgebers aufgenommen wurde und dessen Gespräche mit seinen Gästen festhielt war eine solche erfrischende Ausnahme, bis sie vor einigen Wochen jäh in einem internen Stuttgarter Krach endete. Eine zweite Ausnahme, augenblicklich die einzige ständige im ganzen deutschen Rundfunk, ist der Stammtisch, der jeden Freitagabend in Köln tagt und von den Hörern des UKW West von halb neun bis neun belauscht werden kann. Da sitzen fünf Männer, die das Leben kennen und sich schlagfertig zu den Problemen des Tages zu äußern wissen, bei Mosel und blauem Dunst und hecheln aus dem Stegreif und ganz locker, wie ihnen die Einfalle gerade kommen, allwöchentlich ein Thema durch. Diesmal, afn Tag nach Himmelfahrt, ging es um den "Valettas". Mit allerlei Flachs auf die Anwesenden (den Verleger Dr. Witsch, den Industriellen Schmid und die anderen, die unter dem Präsidium des humorvollen Leiters der Deutschen Welle tagen) ergab das Gespräch eine köstliche kleine soziologische Analyse des Massenphänomens, das alljährlich zu Himmelfahn ausbricht.

Um beim Stegreifgespräch zu bleiben: daß man mit ihm auch die sogenannte Hörfolge (oder Feature) beleben kann, die sonst g tanz im Schematismus der "Produktion" erstarrt ist, zeigte, nachdem er es schon an Porträts von Paul Lincke und Richard Tauber bewiesen hatte, Josef MüllerMarein an der Figur von Franz Lehar. Er hatte das alte Dienerehepaar in der Ischler Villa des Magnaten der Operette vor das Aufnahmegerät gebracht und ließ am Heidelberger Platz in Berlin Käthe Dorsch, Hubert Marischka und Richard Bars, den Bühnenverleger Lehdrs, Erinnerungen an die Jahrzehnte vom Rastelbinder" über die "Lustige Witwe bis zur "Friederike" und der in der Wiener Staatsoper aufgeführten "Giuditta" ausplaudern. Man sah wieder: ohne Manuskript geht es mindestens ebensogut, wenn nicht gar besser. Vorausgesetzt, man bekommt Leute vor das Mikrophon, die wirklich etwas zu erzählen haben. Daß der Komponist des Liedes "Gern hab ich die Fraun geküßt" auch selbst immer verliebt war, erfuhr der Hörer aus berufenem Munde. Und die reichlich dazugegebene Musik Lehars, für die man einen Prunk von Mozart- und Verdi Sängern aufgeboten hatte, ließ nicht den mindesten Zweifel an Lehars permanenter amouröser Laune. Donnerstag, 21. Mai, 20 50 im NWDR: Einer der schönsten Filme von Julien Duvivier ist die Geschichte der alten Schauspieler, die in einem Künstlerheim voreinander ihre allerletzte Rolle spielen ("La Fin du Jour"). Walter Jens hat danach den Roman "Vergessene Gesichter" geschrieben und diesen Roman nun auch zu einem Fernsehspiel umgestaltet, das unter Hans Lietzaus Regie mit zwei veritablen Theaterdirektoren (Idt Ehre und Helmut Gmelin) und einem früheren Intendanten (Harald Paulsen) in den Hauptrollen gesendet wird.

Donnerstag, 21. Mal, 21 00 aus Bremen: In der schönen Sendereihe "Rundfunk als Ruhefunk", mit der Radio Bremen ein Gegengewicht zur Hetzjagd der üblichen Programmfolge geber. und den Gedanken der Muße verwirklichen will erzählt heute Stefan Andres zwei Stunden lang von den Eindrücken und Gesichten seiner Kindheil im Moselland, die sein ganzes Leben und Schaffer bestimmt haben: "Im hohen Mittag sich erinnern ".

23 15 vom NWDR: Das letzte Konzert des Neuen Werkes <jölt deni Wiener Scfeönbergkrais, dessen Sdvalfensiicbtung Jose. Käfer als schon klassisch geworden gegen die Tendenzen de: jüngsten Avantgarde verteidigte (vergl die Glosse Neue Musil gegen neueste Musik" in Nr. 20 der "Zeit"). Das vergegea wärtigt ans die Aufnahmen von Anton Weberns K~onr op. 24 für neun Soloinstrumente und von Arnold Sdiönbewji "Begleitmusik zu einer Lichtspielszene".

2t. 15 aus München: Max Frisch, der Schweizer Dichter, desset Don Juan Komädie Im Augenblick lebhaft im Gespräch ist hat vor seiner mexikanischen Reise ein Hörbild "Orthideer und Aasgeier" mitgebrac&t, Freitag, 22. Mai, 20 00 aas München: Als großartiger Auftakt für die Pfingsttage erklingt aus dem Herkules Saal der Münchner Residenz Beethovens "Missa Solemnis", neben Bachs h moll Messe der zweite Gipfel unter den Vertonungen des liturgischen Dramas vom Altarsakrament. Eugen Jochum leitet das Rundfunkorchester und den Rundfunkchor. Die Solopartien singen Clara Ebers, Gertrude Pitzinger, "Walther Ludwig und Hermann Schey.

22 34 vom NWDR: Die Eroberung von Konstantitiopel 1453 war für das Abendland eine Katastrophe, für den Isltnn eis epochaler Triumph. In Istanbul finden große Jubiläumsfeiern statt, zu denen Elel Sossidi im Ndditptogramm eimsn orientierenden Bericht von Zerstörung eines Mythos und Geburt dei Neuzeit gibt.

Sonnabend, 23. Mai, 17 00 vom Südwestfunk: Zum 60. Geburtstag Friedrich Sieburgs, der Litera, tur für das Leben schreibt, wird die Hörfolge "Ein Leben für die Literatur" gesendet.